Die Dame mit den Glashänden

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Die Dame mit den Glashänden | story.one

Es ist ein kalter Abend im November. Ich verlasse die U-Bahn, um so schnell wie möglich in mein warmes Zuhause zu kommen. Ich stelle mir schon vor, wie ich eine warme Teetasse halte und meine kalten Hände aufwärme. Als ich auf die Straße trete, werden meine Gedanken durch eine schon gesehene Szene unterbrochen.

Sie versucht mit ihrem Rollator und mit zwei großen Einkaufssackerln, die Straße zu überqueren. Sie ist auf dem hohen Gehweg stecken geblieben und ihr bleibt die Wahl entweder den Rollator weiter zu schieben und mit ihm und den Sackerln zusammen auf die Straße zu stürzen oder ihren Stock mit einer Hand festzuhalten und mit der anderen den Rollator schieben, um die Straße überqueren. Ich merke, dass sie sich für die zweite Option entschieden hat. Nach einer kurzen Einschätzung komme ich zu dem Beschluss, dass einen überfüllten Rollator mit einer Hand zu schieben, fast unmöglich für sie ist.

….

Sie und ich haben uns zwanzig Meter weiter weg vor ein paar Monaten getroffen. Mit schwacher, aber lebhafter Stimme hat sie mich gebeten, ob ich ihren Hund, der sich unter dem Auto versteckt hatte, herausziehen konnte. Sie erzählte mir damals, dass der Hund sehr alt war und „er sich manchmal einfach unter dem Auto versteckt“. Ich habe gegrinst und den schelmischen Hund herausgezogen, die Leine in ihre Hand gelegt und bin weitergegangen. So wie sie beiden.

Ein paar Monate später, weitere zwanzig Meter davon entfernt, habe ich sie gesehen, wie sie ins Gebäude hineingehen versuchte. Sie hat wieder mit einer Hand den Rollator gehalten und mit der anderen versucht die Tür zu öffnen. Damals dachte ich auch: „Das sei für diese schwachen Hände unmöglich“. Ich habe ihr meine Hilfe angeboten und sie hat sie angenommen. Diesmal war der Hund nicht mit ihr. Ich habe sie gefragt, wo er war. „Der Hund wurde krank und starb“, hat sie geantwortet. Obwohl ich keine Traurigkeit in ihrer Stimme verspürte, habe ich für einen Moment bedauert, dass ich sie nach dem Hund gefragt habe, weil ich eine solche Antwort nicht erwartet habe. Ich murmelte schnell: „Es tut mir leid so was zu hören“, habe ihren Aufzug gerufen und bin weitergegangen.

Und jetzt ist sie wieder vor mir und versucht die Straße zu überqueren. Ich nähere mich ihr und frage, ob ich helfen kann. Sie bittet mich, ihren Rollator auf die Straße zu schieben. Ich tue es und sie nimmt den Stock. Es gibt nur noch einen Schritt zwischen ihr und dem Rollator. Ich sehe, dass sie darüber nachdenkt, wie sie diesen Schritt wagen soll. Sie fragt dann, ob ich ihr meine Hand geben könnte, um den Rollator zu erreichen. Ich gebe ihr meine gefrorene Hand und sie legt ihre zitternde, aber warme Hand hinein. Ihre dünne Haut scheint mir zerbrechlich und durchsichtig wie Glas. Sie nähert sich dem Rollator, dankt mir mit derselben schwachen, aber lebhaften Stimme und überquert die Straße, weder nach links noch nach rechts zu schauen. Ich bleibe für einen Moment stehen und schaue, wie sie in der kalten Novembernacht verschwindet.

© Kristina Malbasic 01.12.2019