Auf dem heißen Blechdach

Als ich an einem brennend heißen Sommertag aus dem Fenster blickte, sah ich eine undefinierbare fleischig-graue Masse auf dem Blechdach unterhalb meiner Wohnung kleben. Ich wusste nicht was es war und unweigerlich stieg in mir ein gewisser Ekel hoch.

Erst als ich zwei schwarze, fette Raben in Richtung Fleischmasse zuhüpfen sah, verstand ich, dass das Undefinierbare eine tote Taube mit offenem Bauch und daraus hervorquellenden Gedärmen war an der sich die Vögel labten. Ob die Raben die Taube töteten oder sie das tote Tier fanden, es aufs Dach verschleppten und dort fraßen, ließ sich von mir nicht feststellen. Schockiert und mit Ekel wandte ich mich ab, schockiert deshalb weil ich Raben immer mochte, sie für äußerst intelligente Tiere hielt und sie obendrein als stolz und schön empfand. Schon als Kind machte ich meine ersten Erfahrungen mit Raben. Eine Nachbarin hatte ein zahmes Exemplar namens Hucki, der Schuhbänder und Bonbonverpackungen öffnen konnte. Er hat mich häufig durch das Klopfen seines Schnabels auf die Fensterbank meines Zimmers geweckt. Einzig radfahrende Kinder mochte er nicht. Sah er diese, flog er im Sturzflug auf sie zu, landete geschickt auf den Gepäcksträgern und fing an mit seinem Schnabel in ihren Allerwertesten zu hacken, was natürlich fürchterliches Geschrei auslöste und Hucki noch mehr in seiner Überzeugung bestärkte das Richtige zu tun.

Eines Tages war Hucki verschwunden, ob er Reissaus nahm, verstorben ist, entführt wurde oder sicht entschlossen hatte, mit Kindern nichts mehr zu tun haben wollen, weiß ich leider nicht. Verschwunden war beim Anblick der kannibalistischen Raben auf dem heißen Blechdach jedenfalls meine Verehrung für die schwarzen Federvögel.

Meine Strenge gegenüber dem kannibalistischen Entsetzen geriet mit der Zeit jedoch ins Wanken, weil ja auch der Mensch artverwandte Lebewesen frisst, zudem wog in meiner Vorstellung und Erinnerung Hucki die negativen Anblicke auf dem heißen Blechdach wieder auf und ich mag Raben heute wieder genauso gerne wie in meiner Kindheit.

© Kristos Pabst