Das Geheimnis

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Das Geheimnis | story.one

Zwei der weiblichen Jugendlichen, die wir als Sozialpädagogen im Mädchenheim betreuten, waren 18 Jahre alt geworden. Anna und Sandra waren zwei besondere Mädchen gewesen. Wir hatten sie durch schwierige Prozesse begleitet. Die beiden waren drei Jahre bei uns gewesen und hatten sich mehr als gut eingelebt! Sandra hatte maturiert und dachte daran ein Studium zu beginnen. Anna hatte eine Stelle als Bürokauffrau und war im dritten Lehrjahr. Sie entschlossen sich zusammen in eine Gemeindewohnung zu ziehen. Wir halfen ihnen die Wohnung herzurichten und begleiteten sie bei den ersten Schritten in die Selbständigkeit.

Es waren vier Monate vergangen. Eines Tages läutete es um drei Uhr morgens an meiner Privatadresse. Anna, eines der beiden Mädchen, stand vor meiner Türe. Sie war ganz aufgelöst und verstört. „Was ist denn passiert?“ fragte ich, während ich sie hereinbat. „Ich weiß nicht, was ich machen soll…“ stammelte sie, "ich bin in einem schrecklichen Gewissenskonflikt, aber ich habe versprochen nicht darüber zu sprechen." Ich bot ihr einen Sessel an und stellte Teewasser zu. Ich hatte bereits eine Ahnung worum es gehen könnte.

„Anna!“, sagte ich, „ich mache dir ein Angebot: Du verrätst mir was los ist und ich verspreche dir, dass ich ohne deine Erlaubnis nichts unternehmen werde, egal was es ist…“ Anna überlegte einen Moment und sagte dann etwas erleichtert: „Sandras Freund hat sie verlassen und sie hat beschlossen, sich das Leben zu nehmen. Sie hat mir das Versprechen abgenommen, es niemanden zu sagen. Sie hat Tabletten genommen und liegt jetzt wahrscheinlich in unserer Wohnung! Ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Ich stehe natürlich zu meiner Zusage und werde nur etwas unternehmen, wenn du es mir erlaubst. Ich möchte dir aber etwas erklären: Wenn Sandra sich umbringen möchte, dann ist das ihre Sache. Ich finde es aber eine ziemliche Schweinerei von ihr, dass Sie es dir zumutet, mit einer solchen Last weiterzuleben! Mein Vorschlag ist: Wir rufen die Rettung und fahren jetzt gemeinsam zu eurer Wohnung. Wenn es sich ausgeht, werden wir sie retten. Wenn Sandra sich umbringen will, dann kann sie das nachher auch noch tun. Aber ohne dir eine derartige Last aufzubürden.“

Anna atmete erleichtert auf. Wir verständigten die Rettung, eilten zum Auto und fuhren zum Gemeindebau, indem die beiden wohnten. Wir trafen zeitgleich mit dem Notarztwagen ein. Anna schloss die Türe auf wir betraten die Wohnung. Sandra lag bewusstlos am Boden. Sie atmete.

Sandra überlebte. Sie versuchte kein weiteres Mal sich das Leben zu nehmen. Ich traf sie einige Jahre später zufällig auf der Taborstraße. Sie war eine strahlende, junge Frau, war glücklich verheiratet und hatte zwei Kinder.

© Kurt Fleischner 03.07.2019