Der erste Kuss

Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt und natürlich interessierte ich mich für Mädchen. Ich stand aber immer nur sehnsuchtsvoll daneben und schaute zu wenn gleichaltrige Buben Kontakt zu Mädchen aufnahmen.

Und dann, mit vierzehn, als die Zeit der Partys begann und Jungen und Mädchen eng umschlungen zu langsamer Musik tanzten und zu den Klängen von „Je táime moi non plus“ die ersten richtigen Küsse austauschten war es ähnlich. Ich hatte mich zwar mehrmals getraut Mädchen zum Tanzen aufzufordern. Wenn wir einander umfassten und uns zur Musik bewegten knisterte es zwar, aber ich habe mich nie getraut meiner Tanzpartnerin ganz nahe zu kommen oder sie gar zu küssen. Ich wusste ja gar nicht wie das geht und hatte eine höllische Angst mich zu blamieren. Die anderen Burschen in meinem Alter hatten diese Erfahrung längst gemacht.

Ich stand wie vor einer gläsernen Wand und schaute in eine Welt, an der ich nicht teilnehmen konnte. Ich musste immerzu an Mädchen denken und ich fühlte mich irgendwie minderwertig und wertlos. Sowohl die anderen Jungs als auch die Mädchen bemerkten meine Unsicherheit und Schüchternheit, und das kommt nicht so gut in diesem Alter…

Und nun war es so weit gewesen. Ich hatte Rosi beim Rückweg vom Park die Hand gegeben. Am Weg zur Stadtbahnstation habe ich sie umarmt, und sie hat meine Hand genommen und auf ihre Brust gelegt. Das war sehr aufregend. Ich begleitete sie nach Hause in die Rotenlöwengasse, und vor dem Haustor Nummer 3 ist es dann passiert. Wir standen einander im Regen gegenüber und umarmten uns. Ich atmete schwer. Mein Herz schlug mir bis hinauf zu den Ohren. Und dann küssten wir uns. Ich spürte ihre Zunge und ihren süßen Speichel in meinem Mund, es war irgendwie seltsam, ungewohnt, aber es war wunderschön. Ein Gefühl von Leichtigkeit breitete sich von meinem Herzen weg in den ganzen Körper aus. Wir wiederholten den Kuss, dann verabschiedete ich mich von ihr und versprach, am nächsten Tag anzurufen.

Es war passiert! Ich hätte die ganze Welt umarmen können. Ich fühlte mich so leicht, die Angst und die Anspannung, die dieser Begegnung vorangegangen waren und die sich schon über einen so lange Zeitraum hinweg aufgebaut hatten, fielen von mir ab wie überreife Birnen von einem Baum. Während ich nach Hause ging, oder mehr noch nach Hause hüpfte, spürte ich immer noch den süßlichen Geschmack ihres Speichels in meinem Mund. Ich hatte meinen ersten Kuss erlebt und ich war jetzt ein ganz normaler Fünfzehnjähriger und alle Türen in meinem Leben standen offen.

© Kurt Fleischner