Der Kreis schließt sich

Als ich 1972 das Institut für Heimerziehung besuchte mussten wir auch mehrere Praktika absolvieren. Das erste davon fand in einem berüchtigten niederösterreichischen Heim statt. Ich wurde der Gruppe von L. zugeteilt. Das Klima war von kalt und streng und L. hatte mein Praktikum am Ende negativ beurteilt. Ich wäre deshalb fast von der Schule geflogen.

1974 schloss ich das Institut mit der Diplomprüfung für Erzieher ab. 1978 begann ich dann als Erzieher in einem Burschenheim zu arbeiten. Die Atmosphäre war streng und von Gewalt geprägt. Ich wechselte in eine Sozialpädagogischen Beratungsstelle und absolvierte eine Ausbildung am Institut für Sozialtherapie. Nach fünf spannenden und lehrreichen Jahren unterbrach ich meine Berufslaufbahn, importierte Ohrringe aus Indonesien, die hier an Einzelhändler verkaufte und hatte eine kleine Rolle in einem internationalen Spielfilm, inklusive kurzer Dialoge mit Schauspielern wie Ben Kingsley und Dominique Sanda. Ende der 80er Jahre begann ich wieder als Sozialpädagoge in einem Wiener Mädchenheim zu arbeiten. Nach sieben intensiven Jahren in dieser Tätigkeit war ich ziemlich ausgebrannt. Die Kräfte raubenden Nachtdienste hatten mir zugesetzt. Ich wechselte 1996 wieder in eine Sozialpädagogische Beratungsstelle und blieb dort bis 2002. Es gab in dieser Zeit viele Veränderungen im Bereich der ambulanten Einrichtungen des Jugendamts, sie wurden zur Familien Intensivbetreuung und dann zur Mobilen Arbeit mit Familien.

Nach mehreren Weiterbildungen hatte ich 1996 begonnen Elternseminare anzubieten und ab 1998 Selbsterfahrungsgruppen und Familienaufstellungswochenenden. Ich arbeitete nur mehr halbtags für das Jugendamt und hatte daneben eine Praxis als Psychologischer Berater, Coach und Trainer und stand in dieser Zeit nahezu hundert Tage pro Jahr im Seminarraum. In meinem Herzen war ich noch immer Sozialpädagoge. Ich leitete zahlreiche Fortbildungen für das Wiener Jugendamt, das nun MAG ELF hieß und supervidierte dutzende Teams im Bereich der Sozialen Arbeit und gab so meine gesammelten Erfahrungen weiter.

In einer der letzten Supervisionsgruppen, die ich betreute, traf ich L. wieder. Jetzt saß mir jener Erzieher als Supervisand gegenüber, der beinahe meine berufliche Karriere verhindert hätte. Die Welt hatte sich seit damals geändert. Nun hatten die älteren Erzieher Probleme, sich an die veränderten Bedingungen im Rahmen der Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen anzupassen. Sie mussten sich in junge Wohngemeinschafts-Teams integrieren, die einen völlig anderen Erziehungsstil hatten, als jenen, den sie selbst jahrzehntelang praktizierten. Ich fragte mich kurz ob ich ihm erzählen sollte, woher ich ihn kannte, entschied mich aber dagegen. So schloss sich für mich der Kreis nach zweieinhalb Jahrzehnten. 25 Jahre meiner eigenen Berufsgeschichte und 25 Jahre der Geschichte der Veränderungen im Bereich des Wiener Jugendamts.

© Kurt Fleischner