Die Prüfung

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Die Prüfung | story.one

Ich arbeitete nun bereits einige Wochen im Lehrlingsheim als Erzieher. Die meisten Burschen zeigten sich dankbar, dass er jetzt jemanden gab, der ihnen zuhörte und sich für sie und ihrer Probleme interessierte. Diese Tatsache löste bei manchen Jugendlichen aber auch Unsicherheit aus, denn in der strengen Welt des Heims kannten sie nur Parieren oder Rebellieren. Die latent gewalttätige Atmosphäre im Haus übertrug sich auch auf die Jugendlichen. Nicht nur die Erzieher mussten zeigen was für starke und harte Kerle sie waren. Es folgten Provokationen einzelner Burschen, sie wollten -und meine Kollegen hatten mir dies angekündigt- wissen, wie weit sie bei mir gehen konnten.

Ich ließ mich von diesen Provokationen nicht allzu sehr beeindrucken, blieb klar und wertschätzend und ließ mich nicht in unnötige Machtkämpfe verwickeln. Es ging mir aber auf die Nerven, dass immer wieder Burschen versuchten sich mit mir anzulegen. Ich holte mir den kräftigsten von ihnen, er hieß Karl. Er hatte ein gutmütiges Wesen aber einem mächtigen Körper. Er überragte mich um fast einen Kopf, hatte durchtrainierte Muskeln und war das, was man in Wien ein „Cornetto“ nannte. Alle Burschen fürchteten ihn. Ich forderte ihn zu einem freundschaftlichen Ringkampf auf und besiegte den Riesen glücklicherweise. Das sprach sich im Haus herum und von da an hatte ich Ruhe und die Provokationen verschwanden weitgehend.

Eines Abends bat mich einer meiner Kollegen mit einer Gruppe von mehr als 30 Burschen zum Fußballspielen hinüber in den Turnsaal in einer, etwa zehn Minuten Gehweg entfernten Schule zu gehen, er und ein weiterer Kollege würde in wenigen Minuten nachkommen. Im Turnsaal angekommen zogen sich die Jugendlichen um und wir bildeten Mannschaften. Erich, einer der Jungs, wollte den anderen offenbar zeigen, was er für ein mutiger Kerl war und versuchte einen Konflikt mit mir anzuzetteln, indem er provozierend auf mich zukam und sagte: „Na, hau her, ich weiß eh, dass du Karate kannst…!“ 58 Augenpaare waren auf mich geheftet. Ich spürte sofort, dass ich die Situation ohne einen Gesichtsverlust für Erich lösen musste. Ich schickte alle Jugendlichen hinaus und bat sie, einige Minuten im Umkleideraum zu warten.

Offenbar glaubten alle, der Aufrührer würde nun eine Abreibung beziehen, und auch Erich, der mit mir im Turnsaal zurück geblieben war, wirkte ängstlich und erwartete offenbar Schläge. Ich trat freundlich auf ihn zu und sagte: „Entspann Dich, ich habe nicht vor dir etwas anzutun. Und im Übrigen gibt es keinen Grund, einen Konflikt mit mir zu suchen…“. Dann ging ich zur Umkleide und holte die anderen Jungs wieder hinein. Und dann spielten wir Fußball. Nach etwa einer halben Stunde kamen meine Kollegen. Viele Jahre später, bei einem zufälligen Treffen beichtete einer der beiden, dass sie mich mit den Jungs allein losgeschickt hatten,um mich als jungen Kollegen scheitern zu sehen.

© Kurt Fleischner