Grenzen

In der Krisengruppe, in der ich arbeitete, konnte es passieren, dass die Polizei um zwei Uhr morgens ein Mädchen „ablieferte“, das sie eben auf dem „Kinderstrich“ aufgelesen hatten. Es waren oft 14- oder 15jährige Mädchen, die da gebracht wurden. Die Türen waren nachts zwar verschlossen, die Mädchen hatten jedoch die Möglichkeit jederzeit durch die Fenster abzuhauen. Man hatte etwa zwanzig Minuten Zeit, um so mit den jungen Damen so ins Gespräch zu kommen, dass sie es für einen Gewinn halten konnten, hier zu bleiben.

An einem Vormittag kam ich in den Dienst und meine Kollegin informierte darüber, dass in der Nacht ein vierzehneinhalbjähriges Mädchen von der Polizei gebracht wurde. Man hatte sie vor dem Nachtklub „Babylon“ in der Innenstadt aufgelesen, wo sie offenbar ihre Dienste gutbetuchten älteren Männern angeboten hatte. Ich ging hinüber in den Gruppenraum und begrüßte ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen und stellte mich vor. Das Mädchen, wir wollen sie Karin nennen, sah mich an und holte ein Butterfly Messer aus ihrer Tasche. Als sie meiner höflichen Bitte mir das Messer auszuhändigen nicht folgte, nahm ich es ihr ab und „kassierte es ein“. Sie schrie mich an und versuchte mich zu provozieren und zu beleidigen, als sie merkte, dass ihr das nicht gelingen würde zog sie sich verärgert in ihr Zimmer zurück.

Abends bekam ich einen Anruf von der Wohngruppe im zweiten Stock. „Bitte hol Deine Karin von uns ab, sie tobt und demoliert die Einrichtung.“ Ich eilte hinauf und forderte das Mädchen auf, mit mir zu kommen. Ihre Antwort war: „Red´ eine in a Plastiksackl, i horchs mir an, wenn ich Zeit hab!“

Meine Erfahrung sagte mir, dass ich Karin in dieser Situation nicht dazu bringen würde mir hinunter zu folgen. Ich nahm sie wie ein Baby auf meine Arme und trug sie hinunter. Sie schrie und tobte: „Das darfst Du nicht! Lass mich los!“ Ich erwiderte, ruhig und freundlich: „Du täuscht Dich. Ich darf das. Das ist sogar mein Job“! Unten angekommen setzte ich sie ab, sie wollte sofort wieder hinaufrennen. Ich hatte aber damit gerechnet und fasste ihren Arm und erklärte: „Ich werde so lange mit Dir hier stehen, bis Du mir versprichst da zu bleiben“ „Da kannst Du lange warten!“ rief sie erbost. „Das macht nichts“, sagte ich, „ich habe Zeit“. Nach weiteren zwanzig Minuten schlug ich vor, dass wir uns ja auch auf eine der Stufen setzen könnten, das wäre bequemer. Karin willigte ein. In den folgenden 20 Minuten in denen wir „händchenhaltend“ da saßen verlor das Mädchen zum Teil ihre Härte. Es war offenbar das erste mal gewesen, dass ihr jemand angstfrei und wohlwollend eine Grenze gesetzt und ihr damit Halt gegeben hatte. Sie wurde für eine kurze Zeit beinahe zutraulich und erzählte von zu Hause, wo ihre Mutter sie oft in ein Zimmer gesperrt hatte. Viele Jugendliche versuchten mit aller Macht ihre Betreuer zu überzeugen, dass man sie nicht lieben könne. Es ist oft eine herausfordernde Aufgabe hier Grenzen zu setzen und dennoch im Wohlwollen zu bleiben.

© Kurt Fleischner