Das Ungeheuer

Ein Kindheitserlebnis prägte sich in die Seele meines Vaters besonders ein. Er erzählte:

"Meine Mutter wurde schon mit 28 Jahren Witwe und lerne einen Lebensgefährten Hane kennen. Der musste 1941 auch in den Krieg ziehen und kam 1942 mit schwerer Verwundung wieder zurück. Hane hatte einen Bruder namens Otto, der unter Hitler kriminell wurde. Er war auch Kommunist. In Deutschland hatte er eine Bank überfallen und so wurde er zu 10 Jahren Konzentrationslager verurteilt. Eines Tages kam der Postenkommandant von St. Jakob zu uns ins Haus. Er informierte meine Mutter und Hane, dass Otto aus dem KZ entflohen sei. Es wurden zwar Suchhunde und Hitlers SS auf ihn angesetzt, doch man fand seine Leiche nicht. Es kann sein, sagte der Gendarm, dass er doch, durch das um das Lager angelegte Sumpfgebiet durchkam, und noch lebte. Sie vermuteten, er würde eventuell versuchen, zu Fuß von Deutschland nach Österreich zu gelangen, um in St. Jakob bei den Angehörigen unterzukommen. Aber der Gendarm glaubte auch, dass er tot sei, weil man sehr viel auf ihn geschossen hat. Das Hitlerregime hat Otto zum Tode verurteilt, falls er noch einmal auftauchen sollte. Das war im Kriegsjahr 1944.

Eines Tages ging ich in die Scheune um Streue für die Kuh zu holen. Als ich mit der Gabel in die Streue stach, kam daraus plötzlich ein schwarzer Kopf und ein Mann stand auf. Ich schrie auf und wollte davonlaufen. Doch schon hielt mich dieses "Ungeheuer" fest und sagte: "Junge, sei bitte still, ich bin ja der Bruder vom Hane, der Otto, den man sucht". Ich glaube, meine Hose war voll. Ich zitterte am ganzen Leib.

Hol mir deine Mutter und meinen Bruder hierher. Ich bin nämlich am linken Fuß steif und sehr hungrig. Meine Mutter und sein Bruder kamen und ich hörte alles mit. Die Mutter und der Bruder sagten: "Du kannst nicht hierbleiben. Du bist ja vom Hitler zum Tode verurteil. Jeder, der dir Unterschlupf gibt, wird erschossen. Du kannst doch nicht die Kinder und uns in diese Gefahr bringen. Die Hitler-Gendarmen waren schon da und fragten nach dir, für den Fall, dass du noch lebst. Bitte, bitte", sagte nochmals meine Mutter, "Verstecke dich nicht bei uns. Geh zu den Partisanen, bist eh a Kommunist." "Ja, ja", sagte der Otto, "ich gehe, sobald ich mich etwas erholt habe." Er ging aber doch nicht vom Haus. Im Dachgeschoss war ein halbfertiges Zimmer mit Türe zum Balkon. Dort versteckte ihn sein Hane.

Von hier aus machte er, trotz seines steifen Fußes, Partisanen-Raubzüge und schrieb für die Kommunisten. Meine Mutter lebte seit dieser Zeit in voller Angst um uns. Sie wusste genau, wenn sie ihn bei uns finden, werden wir alle erschossen. Es kam so weit, dass meine Mutter uns sagte: "Wenn die Gendarmen ihn hier verhaften, bitte, liebe Kinder, rennt sofort in den Wald und versteckt euch. Denn in den Wald gehen die Gendarmen nicht, weil sie Angst vor den Partisanen haben. Und so werdet wenigstens ihr nicht erschossen."

© Kurt Mikula