Soldat Kremmel meldet: Segelflugzeuge

D-Day 1944: Am 6. Juni beginnt die Invasion an der französischen Küste. 156.000 Soldaten der Alliierten landen in der Normandie. Über 6400 Schiffe und 3000 Landungsboote bringen 133.000 Soldaten an die Strände. Am Atlantikwall sind 50.000 deutsche Soldaten stationiert. Und mein Großvater mittendrin.

Meine Mutter hat mir zu ihren Lebzeiten kein Sterbenswörtchen davon erzählt. Erst vor ein paar Jahren berichtete mir ein Verwandter vom Kriegseinsatz meines Großvaters Ernst in Frankreich.

Ernst war 1944 am Atlantikwall als Obergefreiter stationiert und überlebte die Invasion der Alliierten im Juni. In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni hielt er in der Dunkelheit Wache und hörte Geräusche von Segelflugzeugen. Das meldete er seinem Vorgesetzten, der ihn mit den Worten: "Sie haben wohl einen Piepmatz", abkanzelte.

Ernst überlegte den Angriff, wurde gefangen genommen und kam als Kriegsgefangener nach England. Dort wurde er zur Fabrikarbeit eingeteilt. Später kam er in ein Gefangenenlager wieder zurück in die Normandie. Hunger waren für ihn und seine Mitgefangenen ständige Begleiter. In den Lagern war Ernst zum Nichtstun verdammt. Die Langeweile und Sinnlosigkeit war unerträglich. Deshalb fragte er den Kommandanten, ob er nicht irgendeine Arbeit verrichten könnte.

Er wurde an einen Bauern vermittelt, der ihn erst kritisch musterte. Ernst war stark abgemagert. Deshalb wollte ihn der Bauer für die schwere landwirtschaftliche Arbeit nicht nehmen. Ernst bat ihn auf Französisch, es doch mit ihm zu versuchen, worauf ihn der Bauer bei sich aufnahm und erst einmal auffütterte.

In der Landwirtschaft konnte Ernst seine beruflichen Kenntnisse als gelernter Gärtner nützen. Er schnitt und pflegte fachgerecht die Obstbäume des Bauern und später auch die der Nachbarn. So gewann er die Akzeptanz der Menschen und es entstand bald eine Freundschaft zu seinem Dienstgeber.

Er hat ihn, als Ernst nach der Kriegsgefangenschaft wieder zu Hause war, des Öfteren in Vorarlberg besucht.

Mein Großvater war der einzige Augenzeuge des Angriffes der Alliierten am D-Day, den ich persönlich kannte. Er ist vor ein paar Jahren gestorben. Ich hätte noch so viele Fragen an ihn gehabt.

Gemeinsam mit meiner Frau machte ich mich 2016 auf Spurensuchen nach den Einsatzorten meines Großvaters: Zur Sword Beach, Juno Beach, Gold Beach, Utah Beach und zum Pointe du Hoc mit seinen Steilwänden. Irgendwo hier hörte mein Großvater in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 in der Dunkelheit Geräusche von Segelflugzeugen.

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Foto: Familienbild, vor der Stationierung am Atlantikwall, vom 30. März 1941. Mein Großvater Ernst mit seiner Frau Hildegard und ihren 5 Kindern. Ganz rechts, meine Mutter.

© Kurt Mikula