9/11 - vorher - nachher

Wenn man früher auf der Autobahn von Süden kommend Richtung New York fuhr, sah man bereits noch weit in New Jersey die zwei Türme des World Trade Centers als markantesten Punkt in der berühmten Skyline. Im Sommer 2000 waren wir ein paar Tage bei unseren Freunden in einem kleinen Ort nördlich von Washington gewesen und fuhren von dort zu einer Konferenz in Boston, die zwei Tage später beginnen sollte.

Wir planten durch New York City zu fahren, obwohl wir wenig Zeit hatten. Doch mein Mann und mein Sohn wollten aus mir unbegreiflichen Gründen die Wallstreet sehen. Vorbei an der Freiheitsstatue, durch den erschreckenden Holland-Tunnel gelangten wir in den Südteil Manhattans, fuhren dort ein bisschen herum, sahen die Wall Street und die nahegelegenen Türme des World Trade Centers - leider nur von unten.

Wir hatten fest vor, im darauffolgenden Jahr hinaufzufahren, denn mein Sohn und ich lieben hohe Aussichtspunkte. Es war nämlich geplant, wieder die gleiche Konferenz in Boston zu besuchen, und da wollten wir uns mehr Zeit für New York nehmen. Mein Mann, der etwas Höhenangst hat, war ganz froh, dass er nicht auf die Türme musste. Als wir schließlich unsere Fahrt Richtung Norden fortsetzten, kamen wir nochmals an den beiden Türmen vorbei. Ich wandte mich um zu meinem Sohn, der auf der Rückbank saß, und sagte: "Dreh´ dich noch einmal um und schau hinauf, nächstes Jahr fahren wir sicher hinauf." Und er drehte sich um und sah noch einmal hinauf.

Die Konferenz für 2001 wurde allerdings verschoben, und so reisten wir in diesem Jahr nicht in die USA. Und dann waren die Türme nicht mehr da ...

Erst 2003 kamen wir wieder und machten die gleiche Fahrt im Leihwagen von Washington nach Boston. Als auf dem Weg durch New Jersey langsam die Skyline von New York auftauchte, war dort ein Loch, wo die Türme gewesen waren.

Wieder fuhren wir in den Süden Manhattans, stiegen diesmal dort aus und gingen durch ganz verlassene, staubige Straßen, vorbei an Absperrungen durch den nahezu menschenleeren Stadtteil bis zu jenem Bauzaun, den man so oft im Fernsehen gesehen hat, und schauten durch ein paar Spalten auf die Ruinen, die damals noch fast unangetastet waren.

Dann fuhren wir auf das Empire State Building hinauf - mit dem Gedanken im Kopf, das nicht auch noch versäumen zu wollen, denn irgendwie haben wir es uns nie verziehen, dass wir uns damals nicht die Zeit zur Auffahrt auf das World Trade Center genommen hatten. Und auch beim Blick vom Empire State Building bemerkte man deutlich das Loch, wo die Türme fehlten.

Die USA hatten sich spürbar verändert. Allein die Kontrollen auf den Flughäfen waren unglaublich intensiviert worden. Heute ist das überall so üblich und wir haben uns daran gewöhnt, doch damals merkten wir den Unterschied sehr. Auch die Stimmung war ganz anders, etwas bedrückt, nervös und misstrauisch. Wir sind seitdem nicht mehr hingefahren, nur unser Sohn war Jahre später einmal mit einem Freund an der Westküste.

Das war nicht mehr das Land, das wir kannten.

© LaDameCoeurFlip