9/11 - Wie ich den Tag erlebte

Es heißt oft, dass jeder, der alt genug war, noch weiß, wie und wo er von der Ermordung Kennedys erfahren hat. Das gleiche gilt wohl auch für das, was unter 9/11 in die Geschichte eingegangen ist. Bei Kennedys Tod war ich fünf, aber an den 11. September 2001 erinnere ich mich genau.

Um 3 Uhr verließ ich zusammen mit meinem Sohn, der zum Nachmittagsturnen fuhr, das Haus, kurz nach 5 Uhr kam ich wieder heim, mein Sohn war noch beim Turnen. Damals hatte ich einen Anrufbeantworter, auf dem ein rotes Licht blinkte, wenn jemand etwas auf das Band gesprochen hatte. Meine Mutter, die Jahre zuvor einen Schlaganfall gehabt hatte und kaum das Haus verlassen konnte, hinterließ sehr oft auf diesem Gerät eine Nachricht, und so war ich nicht erstaunt, als ich ihre Stimme erkannte. Nur das, was sie sagte, war ein Schock, mir aber zunächst total rätselhaft. Ich habe den Wortlaut noch ganz genau im Kopf: "Dreh´ den Fernseher auf, das World Trade Center ist eingestürzt." Keine Begrüßung, keine Verabschiedung, keine weitere Erklärung.

Während ich die paar Meter zum Fernseher ging, schossen mir die Möglichkeiten, wie so etwas passieren konnte, durch den Kopf: Sie hatte wohl nur einen der Türme gemeint, ein Konstruktionsfehler, eine Gasexplosion, ein Erdbeben?

Als das Fernsehbild erschien, war das erste, was ich sah, eine der dann schon endlosen Wiederholungen des Einsturzes. Der eine Turm fehlte schon, der zweite fiel gerade. Wir alle kennen die Bilder.

Nach und nach begriff ich, was vermutlich geschehen war, und hörte gleichzeitig, dass noch andere gekaperte Flugzeuge unterwegs waren, eines vermutlich Richtung Washington. Da wir Freunde in den USA haben, deren Tochter zu dieser Zeit als Bibliothekarin im Landwirtschaftsministerium in unmittelbarer Nähe des Kapitols arbeitete, griff ich zum Telefon und rief ihre Eltern an. Erstaunlicherweise kam ich problemlos durch - wenig später brachen die Überseeleitungen ja mehr oder weniger zusammen - und erfuhr, dass sie schon daheim angekommen war. Die Ministerien waren wie alle öffentlichen Gebäude sofort evakuiert worden.

Zwischendurch rief ich meine Mutter an und dann auch meinen Mann, der an der TU war. Damals war die Welt noch nicht so mediendurchsetzt wie heute, und so hatte er es noch gar nicht mitbekommen. Ich hatte übrigens auch bei meiner vorangegangenen Einkaufstour überhaupt nichts wahrgenommen. Die nächste Stunden verbrachte ich fassungslos vor dem Fernseher, wie wahrscheinlich die meisten von uns.

Schließlich kam mein Sohn heim. Ich ging ihm bis zur Haustür entgegen und erzählte ihm kurz, was passiert war. Er antwortete gar nicht, ging nur bis zur Wohnzimmertür, sah aus der Ferne die Bilder der Flugzeuge und der stürzenden Türme und sagte, er müsse jetzt erst einmal hinausgehen. Das ist so seine Art nachzudenken - er geht spazieren. Erst als er nach einer knappen Stunde wiederkam, war er so weit, dass er die ganze Geschichte ertragen konnte.

Geschlafen haben wir nicht in dieser Nacht.

© LaDameCoeurFlip