Autobus oder Hirsch?

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Autobus oder Hirsch? | story.one

In der 5. Klasse Gymnasium bekamen wir ein paar Wochen nach Schulbeginn eine neue Mitschülerin, die binnen kürzester Zeit in der ganzen Schule bekannt war. Sie behauptete nämlich von sich selbst, dass sie verrückt sei, und wenn man sie beobachtete, lag der Verdacht schon nahe. Sie war sehr lustig, immer zu Späßen bereit, machte gern komische Geräusche, wirkte aber andererseits weltfremd, kindlich und wirklich "verhaltensoriginell".

Da wir aber durch die Schule keine Informationen über sie bekommen hatten, waren wir auf ihre eigenen Aussagen angewiesen. Sie erzählte, dass sie aus Wien komme, aber jetzt in einem kleinen Dorf in Niederösterreich wohne und schon oft "bei den Verrückten im Spital" gewesen sei, wie sie es formulierte. Beispielsweise meinte sie, manchmal ein Autobus zu sein und dann auf der Straße gehen zu dürfen. Tatsächlich lief sie ein paar Mal unkontrolliert über die Straße, aber wir versuchten auf sie aufzupassen.

In unserer Klasse war sie bald so etwas wie eine Mischung aus Pausenclown und Objekt unserer Sorge, denn dass mit ihr einiges nicht stimmte, war unübersehbar. Intellektuell war sie aber nicht beeinträchtigt und ihre Noten war mittelmäßig.

Nach den Weihnachtsferien kam sie erst später wieder und erzählte uns, sie sei wieder im Spital gewesen und deshalb sei sie jetzt kein Autobus mehr, sondern ein Hirsch. Das war insofern eine Verbesserung, weil ein Hirsch nicht auf der Straße ging. Zur Illustration nahm sie in jede Hand ein paar Bleistifte und hielt sie sich wie ein Geweih an den Kopf.

Nach einiger Zeit fiel uns auf, dass sie immer das selbe Gewand trug, das dann auch schon ziemlich roch. Darauf angesprochen, erzählte sie, sie habe nichts anderes, weil ihre Mutter nur auf dem Sofa liege und keine Wäsche wasche. Darauf beschlossen ich, deren Mutter Jugendfürsorgerin war, und der Sohn des Bezirksrichters, der ebenfalls in unserer Klasse war, diese Information zu Hause weiter zu geben, damit sich jemand um das arme Kind kümmerte. Es stellte sich heraus, dass ihre Mutter tatsächlich krank war, sonst war aber gut für sie gesorgt. Das schmutzige Gewand dürfte sie heimlich angezogen haben. Einmal kam sie in einem neuen Pulli, den wir sehr bewunderten, und erzählte uns, den habe sie hinter dem Schrank gefunden.

Im Frühling fehlte sie wieder längere Zeit und musste deshalb die Klasse wiederholen. Wir vermissten sie richtig und es gab häufig gegenseitige Besuche in den Klassen. Einmal machte die Nachricht, dass sie gestorben sei, wie ein Lauffeuer die Runde in der Schule. Es sollte ein Partezettel an ihrer Klassentür hängen. Wir liefen sofort hin, aber da stand sie lachend davor, umringt von der halben Schule. Der Partezettel sah wirklich täuschend echt aus, und ich frage mich heute noch, wie sie das, damals ohne Computer, zustande gebracht hat.

Dann war sie plötzlich weg und wir hörten nie wieder von ihr. Offenbar war ihre psychische Erkrankung, deren Diagnose wir nie erfuhren, wieder schlimmer geworden.

© LaDameCoeurFlip