Baustellenverpflegung

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Baustellenverpflegung | story.one

Meine Mutter war keine sehr kreative oder phantasievolle Köchin, aber die paar Rezepte, die sie gerne machte, waren wirklich perfekt und vor allem immer absolut gleich gut und gelungen. Die Gerichte hätte man in jedem Restaurant servieren können. Sie machte beispielsweise einen Rindsbraten mit Wurzelsauce, eine Leberknödelsuppe oder Rindsrouladen, die ihresgleichen suchten. Ich habe nie etwas vergleichbar Gutes gegessen und selbst habe ich mich überhaupt nie darüber getraut, da lag mir die Latte einfach zu hoch.

Mein Lieblingsessen waren die Rindsrouladen, die mit fein geschnittenem Speck, Champignons und Gurkenstreifchen gefüllt waren. Sie gelangen immer butterzart, weil meine Mutter nur das beste Fleisch verwendete. Entsprechend teuer waren diese Sachen auch und das gab es folglich nicht jedes Wochenende, sondern nur zu besonderen Anlässen. Abgesehen davon war es auch wirklich viel Arbeit, da musste man mit der Garzeit schon ein paar Stunden einplanen, und einiges an schmutzigem Geschirr fiel auch an, was ebenfalls ins Gewicht fiel, weil wir damals in den später 60er Jahren natürlich noch keinen Geschirrspüler hatten.

Dann war es irgendwann so weit, dass in unserem Haus einige Zimmer neu ausgemalt werden mussten, und um ein wenig Geld zu sparen, engagierte mein Vater einen Maler, der die Arbeiten in seiner Freizeit am Wochenende im Pfusch erledigen sollte. Zusätzlich zur Bezahlung war vereinbart, dass der gute Mann Getränke und ein Mittagessen bekommen würde. Das war damals wohl noch so üblich.

Im Haus herrschte ein ziemliches Durcheinander, die Möbel waren mit Papier und Folien abgedeckt - nun, wie es halt so ist, wenn ein Handwerker an der Arbeit ist. Und in all diesem Chaos stellte meine Mutter, die in Vollzeit berufstätig war, sich hin und machte für den Maler Rindsrouladen, weil sie ihn bei Laune halten und besonders verwöhnen wollte, denn er arbeitete wirklich gut und fleißig.

Sie servierte ihm das Essen, er setzte sich hin und schaufelte kommentarlos die Rindsrouladen, die gedünsteten Champignons und die Spiralnudeln mit dem wunderbaren Fleischsaft in sich hinein. Meine Mutter wartete sichtlich auf irgend ein Wort der Anerkennung und Bewunderung für ihre Kochkünste und den enormen Arbeitsaufwand trotz der Baustelle, aber da kam nichts. So fragte sie ihn schließlich, ob es ihm geschmeckt habe. Er antwortete: "War schon in Ordnung, ich bin nicht anspruchsvoll, ich ess´ eh alles."

Mein Mutter war total perplex über diese Reaktion und sie hat es nie vergessen. Noch Jahrzehnte später haben wir über den völlig anspruchslosen Handwerker gelacht, vor allem dann, wenn sie wieder einmal ihre phantastischen Rindsrouladen zu einem besonderen Anlass gemacht hatte. Nie haben wir allerdings erfahren, was ihm seine anderen Kunden so vorgesetzt haben. Wir spekulierten über Hummer und Kaviar, aber vermutlich war ihm das alles gleich. Eine angebratene Knackwurst mit Senf hätte genau so ihren Zweck erfüllt.

© LaDameCoeurFlip 29.08.2019