Besuch bei Lenin

  • 67
Besuch bei Lenin | story.one

Wenn man nach Moskau kommt, ist ein Besuch von Lenins Mausoleum sozusagen ein Pflichttermin, zumindest war es damals, noch zu Zeiten des Kommunismus, so. Lenin ist in einem eigenen Gebäude direkt vor der Kremlmauer begraben, obwohl "begraben" in diesem Fall ein völlig falscher Ausdruck ist. Lenin ist nicht begraben, sondern ausgestellt, und er hat auch nicht seine letzte Ruhe gefunden, denn ruhig sind die Massen zwar, die an seinem Sarg vorüberziehen, aber unter "letzter Ruhe" stellt man sich schon etwas anderes vor.

So war ein Besuch des Lenin-Mausoleums natürlich auch ein fixer Programmpunkt und einer der Höhepunkte auf unserer Moskaureise. Der Reiseleiter informierte uns über die besonders strengen Vorschriften, unter denen dieser Besuch überhaupt möglich war. So durften keinerlei Taschen oder andere Gepäckstücke mitgenommen werden, wie es mit Jacken oder dergleichen gewesen wäre, weiß ich nicht zu sagen, denn das war im Juli 1978 bei fast 30 Grad ohnehin kein Thema.

Sehr wichtig und bemerkenswert war allerdings, dass auch Brillen streng verboten waren, denn man fürchtete offenbar, dass jemand mit einer in einer Brille versteckten Minikamera Lenin fotografieren könnte. Dass Fotoapparate und Kameras generell verboten waren, versteht sich wohl von selbst. Man durfte also nur mit leeren Händen zum Vater des Sowjetkommunismus kommen. Glücklicherweise war ich zu dieser Zeit Kontaktlinsenträgerin, denn sonst hätte ich wohl vom guten Lenin nicht viel gesehen.

Zunächst galt es aber einmal sich in der langen Schlange jener anzustellen, die ebenfalls dem Gründervater Lenin ihre Reverenz erweisen wollten. Das waren damals fast ausschließlich Sowjetbürger, ich glaube, wir waren die einzige Touristengruppe. Um Ordnung zu halten, war auf dem Roten Platz in weitem Bogen eine weiße Linie aufgemalt, der man exakt zu folgen hatte, und zwar immer nur einer hinter dem anderen. Zudem war Ruhe geboten, wohl um sich schon einmal in Ehrfurcht auf den großen Moment einzustimmen. Sprach jemand lauter oder trat er mehr als einen kleinen Schritt neben die Linie, so kam sofort ein uniformierter Ordnungshüter und wies ihn zurecht.

Die Wartezeit betrug mehr als eine Stunde. Dann trat man in das Gebäude ein, zuerst in einen Vorraum, dann ins eigentliche Allerheiligste, sofern man bei einem Atheisten so einen Ausdruck gebrauchen sollte. Es war sehr dunkel, gerade hell genug, um überhaupt etwas zu sehen, und recht kühl.

Und da lag der haltbar gemachte Lenin nun wie Schneewittchen in einem gläsernen Sarg, dezent beleuchtet. Boden und Wände waren komplett schwarz. Man defilierte langsam und stumm im Abstand von einigen Metern am Sarg vorbei, die gebotene Ehrfurcht kam fast von selbst dazu. Die Gesichtszüge waren zwar eindeutig als die Lenins zu erkennen, auch die Hände sah man, aber viel von der tatsächlichen Person war da nicht mehr übrig. Er sah ziemlich wächsern aus. Heute wird es wohl noch mehr Wachs und noch weniger Lenin sein.

© LaDameCoeurFlip 19.10.2019