Der kleine Trinker

Unser Sohn war als kleines Kind das, was man einen "schlechten Esser" nennt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er gar nichts gegessen, obwohl es ja immer heißt, ein gesundes Kind verhungert nicht freiwillig. Und gesund war er ja, bis auf die bei Kindern üblichen Infektionen. Er war schlank und eher zart, aber sicher nicht so mager, dass man sich Sorgen hätte machen müssen. Und Energie hatte er immer genug, um uns alle gehörig auf Trab zu halten. So dürfte es ihm also an nichts wirklich gemangelt haben, und zumindest getrunken hat er immer ausreichend, viel Milch, Kakao und auch Fruchtsäfte und Tee.

Meine Mutter brachte uns das altbekannte Sanostol für ihn. Das verdünnten wir oft mit Wasser zu einem Getränk. Es schmeckte ihm zwar sehr gut und er hätte gerne auch mehr davon gehabt, aber den eigentlichen Zweck hat es verfehlt.

Er war immer viel zu beschäftigt, um Zeit zum Essen zu haben. Und so schob ich ihm, wenn es mir dann endlich gelungen war ihn einzufangen und in seinem Hochstuhl zu platzieren, so zwischendurch ein paar Löffelchen Essen in den Mund. Er musste dabei nämlich mit Autos oder Bausteinen spielen, das Essen alleine ohne Zusatztätigkeit sah er wohl als Zeitverschwendung an. Er musste auch immer viel reden und gestikulieren während des Essens, und so landete oft der halbe Löffel auf seiner Wange oder neben seinem Ohr.

Stopfte ich ihm dann manchmal aber etwas zu viel hinein, bekam ich postwendend die Rechnung dafür präsentiert, denn dann erbrach er einfach, und die gesamte mühsame Prozedur war umsonst gewesen. Ich durfte wieder einmal alles aufwischen, er hüpfte davon und war froh, den Ballast los geworden zu sein.

Andererseits ersparte ich mir auch einiges, denn wenn Kinder schon in recht jungem Alter alles unbedingt selbst machen wollen und daher auch sehr früh alleine essen wollen, gibt das dem Vernehmen nach oft ein ziemliches Chaos. Mein Sohn wollte auch alles allein machen, nur nicht beim Essen. Hätte ich ihm einen Löffel in die Hand gedrückt, hätte ich lange warten können, bis er selbst aß. Wenn ich das manchmal versuchte, spielte er mit dem Löffel herum oder ignorierte ihn einfach, je nach Laune. Dann musste ich mich doch wieder hinsetzen und ihn unter Anwendung von List und Tücke füttern.

Er hatte eigentlich keine Lieblingsspeisen, nicht einmal mit Süßigkeiten konnte man ihn wirklich locken, und so gab es Zeiten, in denen neben Milch, Kakao und anderen Getränken Fruchtzwerge und Bananen die einzige "feste" Nahrung waren, die er halbwegs gerne zu sich nahm. Das zog sich bis zur Schulzeit so hin. Dann wurde es etwas besser, aber er ist heute noch ein mäßiger Esser und daher schlank und sportlich.

Aber irgendwann, etwa im Alter von fünf Jahren, musste er doch einmal bemerkt haben, dass ich mir schon manchmal Sorgen wegen seiner Appetitlosigkeit machte. Und so versuchte er mich zu trösten und mir das Ganze folgendermaßen zu erklären: "Weißt du, Mama, bei mir ist das so: Ich bin halt nicht so ein Esser. Ich bin mehr ein Trinker."

© LaDameCoeurFlip