Der Tantenbezirk

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Der Tantenbezirk | story.one

Wenn ich mit dem 13A durch die Neubaugasse fahre, erinnere ich mich beim Haus Nr. 43, wo jetzt ein Neubau steht, der unter anderem das AMS und eine Maturaschule beherbergt, immer an meine Kindheit. Denn dort stand einst ein Gründerzeithaus, in dem 3 meiner Großtanten wohnten. Eine davon, Tante Frieda, war meine Lieblingsgroßtante.

Meine Großmutter hatte 8 Schwestern, von denen 6 im 7. Bezirk lebten, 3 davon im selben Haus in der Neubaugasse, die 3 anderen in der nahe gelegenen Döblergasse in einem der beiden Otto-Wagner-Häuser. Sie waren einander eben sehr nahe.

Wenn ich meine Großmutter nach Wien zu ihren Schwestern begleitete, ging es fast immer zuerst zu Tante Frieda in die Neubaugasse, und wenn wir in Wien übernachteten, dann immer nur bei ihr. Ein paar Mal durfte ich sogar einige Tage alleine bei ihr in Wien bleiben, und da ging sie mit mir in Museen, in den Zoo und auf Kinderspielplätze.

Und natürlich liebte ich die großen Kaufhäuser auf der nahen Mariahilfer Straße. Ich kann mich noch genau an das schöne alte Gerngroß-Gebäude mit der Glaskuppel erinnern, wo zu Zeiten des damals immer heiß ersehnten Ausverkaufs die Kisten mit den verbilligten Waren an einem schrägen Seil zu den Kunden herabschwebten.

Tante Friedas Wohnung war zwar klein, aber sehr schön eingerichtet und ausgestattet, denn sie kaufte alles zu günstigen Preisen im Dorotheum. Sie verdiente sicher nicht viel mit dem winzigen Handschuhgeschäft, das sie im Nebenhaus Neubaugasse 41 betrieb, genau dort, wo die Hausecke heute noch ein paar Meter vorspringt und man jetzt Räucherstäbchen und dergleichen kaufen kann.

Und regelmäßig führte uns der Weg dann die Neubaugasse hinunter zu den anderen Tanten in der Döblergasse, vorbei an der Aida-Konditorei, wo oft noch eine Mehlspeise für den Besuch mitgenommen wurde. Auf einem dieser Spaziergänge durch die Neubaugasse trafen wir einmal Karl Farkas, der ein Bekannter des Onkels aus der Döblergasse war, und ich durfte als kleines Mädchen dem berühmten Mann, den ich aus dem Fernsehen kannte, die Hand schütteln.

Die Tanten in der Döblergasse waren sehr stolz darauf, im Haus eines bedeutenden Architekten zu wohnen und nahmen es gerne in Kauf, dass sie wegen des Denkmalschutzes beispielsweise die Fliesen in den Bädern und Küchen nicht verändern durften.

Die beiden Otto Wagner-Häuser haben eine markante Plattenfassade. Im Unterschied zu dem unscheinbaren Gründerzeithaus in der Neubaugasse sind in der Döblergasse die Treppen sehr breit und die Gangbereiche großzügig und geschmackvoll gestaltet. In einer Nische links neben der Treppe steht eine Büste Otto Wagners mit einer Gedenktafel, und so war mir schon als kleinem Kind der Architekt der Stadtbahn, des Postsparkassengebäudes und der schönen Häuser am Naschmarkt ein Begriff.

Die Großtanten sind längst alle tot, das Haus in der Neubaugasse steht nicht mehr und auch in der Döblergasse wohnen nun fremde Leute. Aber für mich ist "Neubau" immer noch der Tantenbezirk.

© LaDameCoeurFlip