Die ideale Wohnung

Vor über 20 Jahren wollte meine liebe Freundin H. eine Eigentumswohnung kaufen, da sich in ihrer zweiten Ehe nach dem Sohn noch weiterer Nachwuchs ankündigte und die Dreizimmer-Genossenschaftswohnung, in die sie nach ihrer Scheidung mit der größeren Tochter provisorisch eingezogen war, bald wirklich zu klein sein würde. Sie hatte genaue Vorstellungen über Größe, Zimmeranzahl, Preis und Lage der Wohnung und suchte also in Zeitungsannoncen nach geeigneten Angeboten. Damals fing das Internet erst an, die gesamte Immobilienbranche zu beherrschen. Bald fand sie tatsächlich einige geeignete Objekte über Immobilienagenturen und vereinbarte ein paar Besichtigungstermine. Von der Wohnung, die man ihr als erstes zeigte, war sie hellauf begeistert. Die Wohnung erfüllte alle ihre Anforderungen perfekt und war zusätzlich noch viel schöner und praktischer, als sie es sich vorgestellt hatte. Ein richtiger Traum also!

Da meine liebe Freundin aber ein kluges Mädchen ist, begann sie jetzt jedoch nachzudenken und stellte folgende Überlegungen an: Man kann doch nicht gleich die allererste Wohnung nehmen. Man muss doch einen Vergleich haben. Und um wie viel schöner werden all die anderen Wohnungen, die sie sich noch anschauen wollte, sein, wenn schon die allererste so perfekt war.

Sie machte also in den folgenden Tagen weitere Besichtigungen, aber ganz gegen ihre Erwartungen waren die Wohnungen alle katastrophal, kein Vergleich mit der ersten. Aber als sie nach zwei Wochen erkennen musste, dass die erste Wohnung einfach unübertrefflich schön und ideal gewesen war, war dieses Traumstück natürlich schon verkauft.

Um das Ganze abzukürzen: Sie besichtigte in den darauffolgenden Jahren mindestens 50 Wohnungen, ein paar Mal war ich auch dabei. Natürlich war keine Wohnung wie die erste, einmal stimmte dieses nicht, einmal jenes. Und jedes Mal war das Jammern groß. Schließlich fand sie dann eine erst im Bau befindliche Wohnung, wo sie bei der Grundrissplanung noch ein wenig mitbestimmen konnte und die sogar einen eigenen Garten hat. Dort lebt sie seither sehr schön und auch sehr zufrieden, und trotzdem sagt sie heute noch manchmal, dass aber die erste Wohnung doch noch ein wenig besser gewesen wäre. Hätte sie vorher zumindest zwei oder drei andere Objekte besichtigt, hätte sie sofort zugesagt.

Ja, und so ist es manchmal gar nicht so gut, wenn man zu viel nachdenkt und zu wenig auf das Gefühl vertraut. Und wenn einem das Schicksal - direkt boshafterweise - das Beste gleich zuerst präsentiert.

(Manchen Leuten soll es mit Männern/Frauen schon ähnlich ergangen sein.)

© LaDameCoeurFlip