Eierfrau und Raucherzimmer

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Eierfrau und Raucherzimmer | story.one

Wenn ich an meine Kindheit denke, komme ich mir schon steinalt vor, denn das war wirklich noch eine andere Welt. Da gab es Dinge, die heute niemand mehr kennt und verwendet, und da gab es Dinge nicht, ohne die man heute ein Leben gar nicht mehr für möglich hält. Ich glaube, es hat wohl nie zuvor eine Generation auf Erden gegeben, die so viele Veränderungen live miterlebt hat.

Ich kann mich zum Beispiel ganz dunkel daran erinnern, dass der Bankbeamte - so sagte man damals wirklich - am Weltspartag die Eintragungen in meinem Sparbuch noch händisch vornahm und dann nochmals auf einer Liste für die Bank festhielt.

Regelmäßig kamen in unsere niederösterreichischen Kleinstadt Leute, die auf der Straße laut rufend ihre Dienste anboten. Da gab es den "Hasenhäutlmann", der sich mit dem melodisch vorgetragenen Ruf "der Hasenhäutlmann ist da" ankündigte. Er kaufte von den Leuten die Hasenfelle, da viele noch Kleintiere hielten und selbst schlachteten, und ich fürchte, auch die Katzenfelle. Da kam die Federnfrau, die die Gänse- und Entenfedern aufkaufte, die ebenfalls bei der Schlachtung übrig blieben. Wie es mit den Hühnerfedern war, weiß ich nicht, aber ich glaube, die waren eher unbrauchbar.

Regelmäßig im Herbst kam die Eierfrau aus dem Burgenland, eine hagere Frau mit Zopffrisur, die einen riesigen Rucksack voller Eier herumschleppte und einen unüberriechbaren Duft nach Hühnerstall verströmte. Meine Großmutter legte die Eier mit Kalk in großen Gurkengläsern für den Winter ein, denn damals gab es offenbar gar nicht das ganze Jahr Eier zu kaufen.

Da kamen die Scherenschleifer, und da kam der "Zigeuner", wie er selbst sich nannte. Das war ein sehr imposanter Mann, groß, dunkelhaarig und schnauzbärtig, mit einem ziemlichen Bauch, stets elegant in einen Anzug mit Weste gekleidet. Über dem Bauch trug er eine dicke goldene Uhrkette und er fuhr einen Mercedes. Er kaufte Waren aller Art auf, alles vom Altmetall bis zu Möbeln und Schmuck. Zu meinem Großvater kam er, weil dieser als Musiklehrer manchmal auch Instrumente kaufte oder verkaufte.

Er trat einfach ins Haus, klopfte an die Küchentür meiner Großmutter und rief: "Der Zigeuner ist da!" Dann setzte er sich zu Kaffee und Kuchen und besprach mit dem Großvater die Geschäfte.

Damals sperrte übrigens niemand ab. Zu unserem Haus gab es einen einzigen Schlüssel, der nach dem Zusperren für jeden gut sichtbar auf einen kleinen Mauervorsprung gleich neben der Tür gelegt wurde, und das auch nur, wenn gar niemand daheim war. Nachts wurde von innen abgesperrt. Das Gartentor wurde mit einem Haken geschlossen.

Und dann hielt ein paar Jahre später eine neue Zeit Einzug in unser Leben. Im Herbst 1972, als ich in die 5. Klasse kam, übersiedelte das Gymnasium von einer provisorischen Unterkunft in ein neu erbautes Haus. Und da gab es - so unglaublich das heute klingt - ein eigenes Raucherzimmer für die Schüler der Oberstufe. Und es gab einen Strahlenschutzraum für hunderte Leute, 14 Jahre vor Tschernobyl.

© LaDameCoeurFlip