Falsch abgebogen

San Franciscos Straßen bilden im Zentrum einen gleichmäßigen Raster, nur die Market Street, eine große Geschäftsstraße, schneidet schräg durch diese Regelmäßigkeit, wodurch an jeder Straßenecke spitze und stumpfe Winkel entstehen und die Orientierung erschweren, wenn man abbiegen will. Und so passierte es mir, dass ich auf dem Weg zu dem Hotel, in dem wir wohnten, plötzlich bemerkte, dass ich wohl einen Fehler gemacht hatte.

Die Häuser waren niedriger, als ich es vom Vortag in Erinnerung hatte, aber vor allem wesentlich schäbiger und ungepflegter. Es war jene Sorte von dunkelroten schmalen Backsteinhäusern mit einem Souterrain und hohen Außentreppen zum Eingang hinauf, die man aus vielen Filmen kennt. Manche der Häuser hatten mit Holzbrettern vernagelte Fenster oder zerbrochene Scheiben, viele Fassaden waren beschmiert, auf dem Gehsteig lag Müll.

Ich beschloss aber weiterzugehen, denn ich glaubte noch immer, ich würde irgendwann auf die Straße treffen, in der unser Hotel lag, nur eben weiter nördlich, und hätte nur ein Stück zurückgehen müssen.

Die Gegend wurde indes immer unheimlicher, für mich zumindest, die ich jung, blass und blond war, gut gekleidet und noch dazu sichtlich keine Amerikanerin und überhaupt niemand, der in diese Gegend passte. Nach einem weiteren Häuserblock begann ich mich schon wirklich ängstlich zu fühlen. Auf den Vordertreppen saßen junge Männer herum, und einige lagen sogar schlafend - oder vermutlich eher im Drogenrausch - auf den Gehsteigen. Die meisten von ihnen waren schwarz.

Mittlerweile war mir völlig klar, dass ich mich weit mehr verlaufen hatte, als ich ursprünglich dachte, und dass ich so niemals zu meinem Hotel kommen würde. Ich wagte aber nicht meinen Stadtplan herauszunehmen, denn damit hätte ich deutlich zu erkennen gegeben, dass ich hier völlig fremd und hilflos war. So versuchte ich die Nerven zu bewahren und überlegte, was ich tun könnte, während ich äußerlich möglichst ruhig und gelassen weiterging. Es waren zwar relativ wenige Menschen auf der Straße, aber ich bemerkte wohl, dass mir die Blicke folgten, und ein oder zwei Mal rief man mir aus vorbeifahrenden Autos etwas zu.

Da traf ich an einer Straßenecke direkt mit einer älteren weißen Frau zusammen. Sie blieb stehen und fragte mich direkt, was ich hier mache. Da sie auf mich freundlich und vertrauenerweckend wirkte, erzählte ich ihr von meinem Irrweg und nannte ihr die Straße, die ich eigentlich suchte. Sie riet mir von der Suche nach einer Abkürzung durch einen Querweg ab, das es dort noch schlimmer sein sollte, sondern sagte mir, ich solle einfach möglichst ruhig bis zur Market Street zurückgehen und dort auf meinem Plan den richtigen Weg suchen. Sie würde noch eine Weile hinter mir herschauen.

Das tat ich dann auch und kam so sicher zu meinem Hotel zurück. Was die Frau in diese Gegend geführt hatte, vergaß ich in der Aufregung zu fragen, aber für mich war sie ein rettender Engel, der mir den besten Rat erteilt hatte.

© LaDameCoeurFlip