Hälfte des Jahres

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Hälfte des Jahres | story.one

Die erste Hälfte dieses seltsamen Jahres 2020 ist zu Ende. Zeit Zwischenbilanz zu ziehen. Wie die Gesamtbilanz in sechs Monaten aussehen wird, weiß keiner und vielleicht will es auch keiner wissen. Wir genießen womöglich die letzten Tage der Unschuld. Aber so ist es eben und wir müssen es so hinnehmen.

Begonnen hat es ganz normal, falls jemand noch weiß, was "normal" einmal war. Bald zeigten sich einige Andeutungen, und dann war alles anders, dann waren wir von einem Tag auf den anderen mitten drin. Aber das wissen wir alle, wir waren ja alle persönlich dabei.

Mich wundert, dass man so oft den Wunsch nach Veränderung hört. Nicht nur jetzt, auch früher schon. Sehr beliebt auch als Wahlkampfslogan oder Zeitungsschlagzeile. Veränderung wird gefordert. Aber was wollt ihr denn, es verändert sich ja ohnehin ständig alles! Das braucht man sich gar nicht erst zu wünschen. Gemeint ist natürlich Verbesserung. Aber warum sagt man das nicht gleich! Wir wünschen uns Verbesserung. Nur dass etwas anders ist, ist ja gar nicht das Ziel und der Traum. Bringt es vielleicht Unglück, den Wunsch auszusprechen?

Nun, verändert hat sich viel in den letzten Monaten, ob sich etwas verbessert hat, ist die Frage. Vieles hat sich verschlechtert, da kann man sich das alles schönreden oder schönsaufen, je nach Neigung, so viel man will. Ach, wie wird es aber schön sein, wenn der Schmerz wieder nachlässt. Diese Freude bleibt einem - das kleine Glück des nachlassenden Schmerzes.

Die Tage werden also schon wieder kürzer, die Sommersonnenwende war uns heuer auch nicht so recht gegönnt, denn es war kalt und regnerisch. Es steht kein guter Stern über diesem Jahr, so könnte man meinen. Das Jahr 1816 war das berühmte "Jahr ohne Sommer". Dass ein Vulkan dafür verantwortlich war, erkannte man erst später. Wir wissen, dass ein Virus für die Geschehnisse des Jahres 2020 ursächlich ist. Wie wird dieses Jahr einmal genannt werden? Das Jahr ohne Glück?

Aber für manche wird es doch ein gutes Jahr sein und hoffentlich, später einmal, auch im Rückblick bleiben. Für unseren Sohn vielleicht. Ich bin ja ein vorsichtiger Mensch und ich glaube nicht voreilig daran, dass etwas funktionieren wird. Ich übe mich gerne in Zweckpessimismus in der Hoffnung, enttäuscht zu werden. Wieder einmal eines meiner kleinen Geschäfte mit dem Schicksal, so ein klein wenig Selbstbetrug eben, damit man glauben mag, man habe irgendetwas selbst in der Hand.

Aber unser Sohn ist vollkommen optimistisch, dass es gut gehen wird. Er ist noch - relativ - jung und er ist vor allem eines dieser Glückskinder, denen das Leben leicht von der Hand geht und die alles mit der Überzeugung anpacken, dass es gut enden wird. Bis jetzt hat ihm das Schicksal ja fast immer Recht gegeben, zumindest in den großen Dingen. Geboren im Sternzeichen des Löwen, dessen Symbole die Sonne und das Feuer sind, stellt er sich mutig dem Leben. Am 1. Juli zieht eine junge Frau bei ihm offiziell in die Wohnung ein. Möge ihm auch diese Übung gelingen.

© LaDameCoeurFlip 30.06.2020