Heimat forever

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Heimat forever | story.one

Meine Großmutter väterlicherseits war eine Sudetendeutsche aus Nordmähren, geboren 1898 in einem Dorf mit dem wunderschönen Namen Goldenstein. Sie war das 6. Kind von insgesamt 10, nur das 5. war ein Bub.

Nach dem frühen Tod des Vaters verkaufte die Witwe den Hof und übersiedelte mit ihren 9 Töchtern und dem Sohn ca. 1910 nach Wien. Die genaueren Umstände sind mir unbekannt, man fragt zu wenig als junger Mensch. Jedenfalls zählte die Familie nicht zu den 1945 Vertriebenen und hat auch nichts Materielles verloren.

Meine Großmutter heiratete 1921, bekam einen Sohn, meinen Vater, und eine Tochter. Meine Großmutter zog mich auf, denn wir wohnten im gleichen Haus und meine Mutter war berufstätig.

So kam es, dass mir meine Großmutter meine gesamte Kindheit hindurch buchstäblich jeden Tag von ihrer Heimat erzählte, von ihrer wunderbaren Kindheit, vom Kaiser, der Kaiserin Elisabeth - niemals nannte sie sie Sisi -, dem Kronprinzen Rudolf und der "guten alten Zeit". Stets sprach sie nur von der "Heimat" und manchmal sang sie ein Lied, dessen Text so begann: Einmal noch in meinem ganzen Leben möcht ich meine Heimat wiedersehen...

Ihre Sehnsucht nach der Heimat stand wie ein wunderbar gemalter Bildhintergrund über ihrem ganzen Leben und irgendwie ist sie niemals richtig in der niederösterreichischen Kleinstadt angekommen, in der sie bis zu ihrem Tod 1978 lebte. Diese Sehnsucht gab ihr Kraft und war gleichzeitig ein andauernder Schmerz. Sicher hat sie wohl manches verklärt, aber was zählt, ist wohl ihre persönliche Sicht.

Sehr wichtig für sie war auch der enge Zusammenhalt mit ihren 8 Schwestern, von denen 7 in Wien lebten und eine im gleichen Ort in Niederösterreich. Ich denke, durch diese ältere Schwester war sie mit meinem Großvater "verkuppelt" worden. Der einzige Bruder wanderte in den 20er Jahren nach Argentinien aus und ist dort verschollen. Ich hatte aber stets den Eindruck, er fehlte den Schwestern gar nicht so sehr, denn die Versuche ihn zu finden blieben eher halbherzig.

In der Zeit bis zum Ende des 2. Weltkriegs konnte meine Großmutter ihre geliebte Heimat noch oft besuchen, dann wurde es unmöglich, denn mit dem Geburtsort Goldenstein im Pass hätte sie wohl kein Visum bekommen - so sagte man ihr offenbar. Ob es wirklich so streng war, weiß ich nicht.

Dann kam 1968 das, was man heute den "Prager Frühling" nennt, und die Umstände wurden einfacher. Gleichzeitig hatte meine Großmutter im Juli 1968 ihren 70. Geburtstag und so ergab es sich, dass sie quasi als Geburtstagsgeschenk mit meinem Vater und meinem Onkel im Auto für 3 oder 4 Tage in die "Heimat" fuhr und sich der Wunsch aus dem Liedtext erfüllte: Einmal noch in ihrem Leben sah sie ihre Heimat wieder.

Irgendwie war es aber auch eine Enttäuschung für sie, denn sie fand das Elternhaus recht vernachlässigt vor. Aber das Grab ihres Vaters existierte sogar noch. Genaueres über ihren Aufenthalt weiß ich leider nicht oder nicht mehr, ich habe keine Fotos und kann auch keinen mehr fragen.

© LaDameCoeurFlip