Iatrophobie

  • 124
Iatrophobie | story.one

Meine Hausapotheke besteht aus einem Päckchen Aspirin, Hustensaft und ein paar größtenteils schon jahrelang abgelaufenen Salben. Wenn ich einmal Aspirin gegen Kopfschmerzen brauche, finde ich sie meist nicht. Dann muss ich eben wieder einmal so auskommen und das geht auch. Mein Sohn sagt, ich finde die Aspirin nicht, weil ich sie gar nicht finden will, und da hat er natürlich Recht.

Ich habe nämlich eine Abneigung gegen alle Medikamente und generell gegen alles "Medizinische". Ich vermeide es sogar, darüber zu lesen oder etwas zu sehen und zu hören. Vor Ärzten und Spitälern fürchte ich mich, und in jeder Arztpraxis sehe ich überall nur Viren und Bakterien, obwohl ich sonst nicht hysterisch bin.

Wie alles im Leben hat das natürlich einen Grund, denn meine Mutter war nämlich das glatte Gegenteil von mir. Sie glaubte an die Medizin, die Ärzte und vor allem glaubte sie an Medikamente.

Wenn ich vor Mathematikschularbeiten nervös war, versuchte sie mir ein hilfreiches kleines Tablettchen einzugeben. Einige Male habe ich das auch widerwillig genommen, später habe ich mich geweigert und meine Nervosität eben vor ihr verborgen.

Sie selbst hat für und gegen alles und jedes Medikamente genommen, und ich wage zu behaupten, das hat sie nicht gesünder gemacht, sondern erst so richtig krank. Sie ging bei jeder Gelegenheit zum Arzt, besonders wegen ihrer "schlechten Nerven". Besser geworden ist davon nie etwas. Krankheiten können ja bekanntlich auch Mittel zum Zweck sein.

Mit 62 Jahren hatte sie einen Schlaganfall, von dem sie sich nie ganz erholte. Sie nahm täglich bis zu 22 Tabletten ein, und ich hatte oft den Eindruck, dass sie direkt stolz darauf war. Sie schluckte problemlos die größten Dinger, während ich schon mehrmals fast an einem Aspirin erstickt wäre, weil sich alles in mir gegen das Schlucken eines Medikamentes wehrt. Vor den riesigen Eisentabletten, die ich während der Schwangerschaft nehmen musste, hatte ich richtige Angst.

Bis jetzt hatte ich Glück mit meiner Gesundheit, auch von größeren Unfällen blieb ich verschont. Außer zu meiner eigenen Geburt und der meines Sohnes war ich nie in einem Spital. Ich vertraue darauf, dass es von selbst wieder gut wird - egal, was es auch sein mag. Ich schaffe mir den Placeboeffekt ohne Pillen. Das Risiko kenne ich, aber ich werde mich nicht beschweren, wenn ich einmal an etwas sterben sollte, das man leicht früher erkennen hätte können.

Ich schaffe es nicht, zu einer Vorsorgeuntersuchung oder dergleichen zu gehen. Zu wissen, dass ich bald einen Arzttermin habe, belastet mich psychisch so sehr, dass ich allein davon schon krank werde. Zahnarztbesuche sind natürlich ein Horror, und seit mich der Gynäkologe nicht mehr mit dem Pillenrezept erpressen kann, hat er mich auch nicht mehr gesehen. So hoffe ich halt, dass ich es noch ein Weilchen ohne Ärzte schaffe. Aber ich weiß schon, dass es eine riskante Lotterie ist.

P.S. Meine Geheimmedizin gegen eh fast alles ist ein Schluck Ouzo. Oder zwei ...

© LaDameCoeurFlip 14.02.2020