Lost in Kreml

1978 war ich mit einer Reisegruppe in Moskau. Abends stand eine Folkloreaufführung auf dem Programm, russische Tänze, Lieder und dgl. Das Ganze fand in der großen Veranstaltungshalle innerhalb der Kremlmauern statt. Nun, es war, wie Folklore eben ist, bunt und fad.

Als die Gruppe sich danach beim Bus wieder traf, fehlte ein älterer, alleinreisender Mann. Zuletzt war er in der Pause gesehen worden, die Gruppe saß nämlich im Saal verstreut. Zunächst warteten wir ein wenig, dann ging der Reiseleiter zurück, um ihn zu suchen. Nach einer halben Stunde erst kam er allein zurück und berichtete, der Saal sei schon zu, alles rundum leer, der Kreml jetzt auch nicht wieder zugänglich. Ratlosigkeit machte sich breit. Dann schickte der Reiseleiter uns mit dem Buschauffeur zurück ins Hotel, inzwischen war es fast Mitternacht, Moskaus Straßen menschenleer. Er plante, jetzt doch zur Polizei zu gehen, sprach aber kein Russisch, die örtliche Reiseleiterin war nicht mit gewesen.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren der Reiseleiter und der vermisste Mann wieder da, sichtlich mitgenommen, besonders der alte Mann. Vom Reiseleiter erfuhren wir, was geschehen war. Der alte Mann sprach eigentlich die nächsten paar Tage gar nichts mehr.

Der Mann hatte sich in der Pause absichtlich aus der Halle entfernt, weil er Leonid Breschnew persönlich - in der sicher unrichtigen Annahme Breschnew wohne quasi im Kreml - einen Brief übergeben wollte, in dem er ihn bat, doch endlich der Freilassung des letzten Gefangenen von Spandau, Rudolf Heß, einst Hitlers Stellvertreter, zuzustimmen. Den Brief hatte er sich in Wien ins Russische übersetzen lassen. Er hatte Rudolf Heß nämlich angeblich in der Kriegszeit kennen gelernt und dieser wäre ein sehr netter Mensch gewesen und er täte ihm so leid, weil er nun schon Jahrzehnte gefangen saß. Die Übergabe dieses Briefes sei übrigens der einzige Grund gewesen, an dieser Reise teilzunehmen.

So war er, als er mit dem Brief auf dem Kremlgelände herumirrte, von den Sicherheitskräften festgenommen worden. Den Brief nahm man ihm ab und er wurde zur Polizei gebracht und die ganze Nacht verhört. Irgendwie fand ihn der Reiseleiter dort und es gelang ihm wohl, das Ganze als die bedauerliche Aktion eines völlig verwirrten alten Mannes darzustellen, der nichts Böses wollte. So durfte er ihn schließlich mitnehmen, erst in der Früh kehrten sie nach einer völlig schaflosen Nacht ins Hotel zurück. Und der Brief ruht jetzt sicher in irgend einem Archiv in Moskau.

Einige aus der Gruppe, auch meine Mutter und ich, erinnerten sich nun, dass er immer wieder recht verworren und undeutlich aus der Kriegszeit erzählt hatte, auch irgend etwas von einem Brief und von Rudolf Heß. Aber niemand verstand ihn oder wollte ihm richtig zuhören.

In den verbleibenden zwei Tagen in Moskau wurden wir noch strenger kontrolliert und überwacht als ohnehin schon. Es gab auch Anzeichen dafür, dass unsere Zimmer und unser Gepäck durchsucht worden waren.

© LaDameCoeurFlip