Lucca

In den Osterferien 1979 unternahmen mein damaliger Studienkollege und Freund und ich eine Reise nach Italien, genauer gesagt hauptsächlich in die Toscana. Meine Mutter lieh uns ihr Auto, das sie ohnehin fast nie benützte. Sonst wollten wir uns ohne genauen Plan einfach von den Sehenswürdigkeiten leiten lassen.

Damals gab es ja noch keinen Euro und so gingen wir am letzten Tag vor Beginn der Osterferien in eine Bank in der Schottengasse zum Geldwechseln. In der Schlange hinter uns stand unser Professor für Osteuropäische Geschichte, bei dem wir gerade zuvor die Vorlesung besucht hatten, und so kamen wir ins Gespräch.

Zufällig wollte auch er mit seiner Frau und seiner Tochter in die Toscana fahren, und so verabschiedeten wir uns scherzhaft mit den Worten, da würden wir einander ja ohnehin sehen. Ob er einen bestimmten Reiseplan hatte, erfuhren wir nicht, weil wir dann schon an der Reihe waren.

Am Montag in der Osterwoche fuhren wir los, den Ostersonntag Nachmittag verbrachten wir schließlich in Lucca. Wir schlenderten abseits der damals noch nicht so großen Touristenmassen durch eine völlig menschen- und geschäftsleere Seitengasse und sahen schließlich in der Ferne eine Familie auf uns zukommen, sichtlich ebenfalls Touristen. Geübte Leser ahnen es voraus - es war unser Professor mit Frau und Tochter.

Eigentlich war keiner von uns wirklich erstaunt, denn wir hatten ja gesagt, wir würden einander in der Toscana treffen. Ich denke, die Überraschung wäre weit größer gewesen, hätte es die Begegnung in der Bank vorher nicht gegeben. Nach ein paar Minuten Plauderei verabschiedeten wir uns, und natürlich wurde das Ereignis in der nächsten Vorlesung nach Ostern auch noch einmal besprochen.

Ich halte es bis heute für einen wirklich unglaublichen Zufall, denn Lucca ist eine sehr hübsche Stadt, aber sicher nicht einer jener Punkte in der Toscana, wo jeder hinfährt. Eine Begegnung vor dem David in Florenz wäre wahrscheinlicher gewesen. Noch dazu war es eine Seitengasse, und ich weiß gar nicht mehr, warum wir dort gingen. Vielleicht war es eine Abkürzung.

Jedenfalls denke ich jetzt, 40 Jahre später, noch daran, wenn von Zufällen die Rede ist. Und gleichzeitig kommt einem natürlich der Gedanke, wie viele solcher Ereignisse nie stattfinden, weil man einmal in die andere Richtung schaut oder irgendwo eine Sekunde zu früh oder zu spät ist.

© LaDameCoeurFlip