Nachbeben

Im Frühling 1976 gab es in Friaul ein schweres Erdbeben mit hunderten Toten und riesigen Schäden, und dann am 15. September ein besonders starkes Nachbeben, das ebenfalls noch weithin zu spüren war und weitere Schäden verursachte. Das Hauptbeben spürten wir daheim in Niederösterreich auch ganz genau, die Lampen schwangen hin und her und es klirrten Gläser und Geschirr, die Bewegung war wirklich unheimlich. Das Nachbeben bzw. das stärkste der zahlreichen Nachbeben erlebte ich dann in einem Badeort an der Ostküste Istriens.

Ich schlafe immer sehr tief, und so spürte ich den Anfang des Bebens um etwa fünf Uhr früh eigentlich gar nicht. Meine Mutter, mit der ich damals noch reiste, rüttelte mich wach. Sie stand neben meinem Bett, die Handtasche in der Hand, und wollte, dass ich sofort aufstand und mit ihr hinaus ins Freie ging. Aus dem Tiefschlaf gerissen, war ich zunächst ganz desorientiert.

Schließlich spürte ich das Beben auch, aber es war bald aus und so sah ich eigentlich keinen Grund mehr aufzustehen. Ich sagte meiner Mutter, sie solle daran denken, dass direkt hinter dem Hotel ein steiler, verkarsteter Berg sei und es auch nicht gut wäre, draußen zu sein, falls der Berg herunterkommt.

Ich blieb einfach liegen und schlief sogar wieder ein. Meine Mutter ging auch nicht hinaus, weil sie mich nicht allein lassen wollte. Das Beben war ja auch vorbei, später am Tag gab es noch ein weiteres Nachbeben, schwächer zwar, aber auch spürbar. Später erfuhren wir, dass fast alle Hotelbewohner in der Nacht ins Freie gelaufen waren.

Schäden am Hotel und in der Umgebung gab es nicht, und so war für uns also alles gut gegangen. Interessant war nur die unglaubliche Veränderung des Meeres.

Bei blauem Himmel und Windstille gab es Wellen und weiße Gischt wie bei einem schweren Sturm. Das Wasser war sehr dunkel, fast schwarz, und man hörte ein unheimliches Grollen, so als würden tief unten Steine rollen. An Schwimmen war an diesem Tag nicht zu denken. Niemand ging ins Wasser, aber viele standen am Strand und sahen mit Staunen, wie sehr sich alles verändert hatte.

War es vorher ein eher breiter, flacher Strand mit großen runden Kieselsteinen gewesen, so war er jetzt viel schmäler. Die Wellen hatten eine Steilstufe vom Strand ins Wasser hinein ausgewaschen, wo vorher ein sanfter Verlauf gewesen war. Die kleineren Steine waren auch großteils verschwunden und nur die größeren Brocken waren übrig.

Die Wellen und das Grollen ließen in den nächsten Stunden nach und auch der Strand verbesserte sich in den paar Tagen, die wir noch dort waren, wieder, aber er wurde nicht mehr so wie vorher. Es war jetzt viel schwieriger über die Stufe, die noch blieb, ins Wasser zu gehen, und die großen Steine machten das Gehen und Sitzen beschwerlicher.

Erst daheim in Österreich erfuhren wir, dass das Epizentrum des Bebens wieder in Friaul gewesen war, und so war es um so erstaunlicher, dass das alles an der Ostküste Istriens, genauer in Rabac, solche Veränderungen ausgelöst hatte.

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