Reise nach Jerusalem

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Reise nach Jerusalem | story.one

Ich bin eine hartgesottene Realistin und mich bringt nichts so leicht dazu, emotional zu werden. Manchmal erwarte ich, dass es mich irgendwie packt, aber meist bleibt es doch beim Beobachten und Außenstehenbleiben. Was aber könnte besser geeignet sein das Gefühlsleben anzusprechen als eine Reise nach Israel, ins geschichtsintensivste Land auf Erden wohl, das uns alle geprägt hat, mögen wir nun gläubige Christen sein oder nicht?

Nun sah ich also all diese weltberühmten Orte mit eigenen Augen, aber nichts kam an mich heran. Kapharnaum nicht, Akkon nicht, nicht der Blick auf die Ebene von Armageddon, nicht Bethlehem, nicht die Grabeskirche in Jerusalem. Ich war Touristin, die in einem lebendigen Bilderbuch spazieren ging. Ich sah und staunte und verglich mit den Bildern, die ich schon vorher davon im Kopf trug.

Ungerührt ging ich durch die Taschenkontrollen und den Scanner, die man passieren muss, um zur Klagemauer zu kommen. Ein leicht abschüssiger Platz erstreckt sich davor, es war nicht so viel los, aber zur Mauer hin wurde die Menschenmenge dichter. Eine Dame aus unserer Gruppe erzählte, dass sie von ihrer Schwester einen Zettel mitbekommen habe, den sie nun in die Mauer stecken wolle, mit dem eigenen Zettel natürlich.

Da fiel mir erst auf, dass ich an so etwas gar nicht gedacht hatte. So sah ich, dass der Zauber dieses Ortes noch wirkte nach all den Jahrhunderten, dass er sogar wirkte für Nichtjuden. Und mir schien es auf einmal gar nicht mehr so abwegig, sich dieser Faszination hinzugeben.

Ich ging ein Stück weg von der Gruppe, die sich langsam zerstreute, denn jeder sollte seinen eigenen Weg zur Klagemauer gehen, und zog einen kleinen Zettel aus meiner Handtasche. Und ich wusste auch sofort, was darauf stehen sollte. Dann ging ich langsam durch die Menschen - auf der Frauenseite natürlich, aber das ist ein anderes Thema und tut der Klagemauer in ihrer unglaublichen Präsenz keinen Abbruch - und suchte mir ein freies Fleckchen. Die Mauer ist so unfassbar alt, sie ist rau und bröckelig und manchmal wachsen winzige Pflänzchen in den Ritzen. Und vor allem ist sie vollgestopft mit den Zettelchen all der Menschen, die daran glauben, dass das Wünschen noch hilft.

Ich legte die Hand auf die Mauer, wie ich es bei den anderen sah. Ich will nicht behaupten etwas Ungewöhnliches dabei gespürt zu haben, aber gespürt habe ich sehr wohl das Einzigartige dieses Ortes, das Hoffen und Wünschen all der Generationen, die vor uns dort waren. Gespürt habe ich den Glauben der Leute, die neben mir beteten, vor allem Juden natürlich, aber auch Touristen aus aller Herren Länder, wie man so sagt. Hier war einst das Zentrum der Welt, wenn man jenen alten Landkarten folgt, die Jerusalem und den Tempel als Mittelpunkt der Darstellung zeigen.

Und dann schob ich mein Zettelchen in eine der Ritzen, wohl wissend, dass der Reinigungsdienst es bald entfernen würde, aber es geht ja nicht um die Materie dieses Papiers.

Erst jetzt war ich wirklich in Jerusalem gewesen.

© LaDameCoeurFlip