Schwarz-Weiß-Malen. Eine Bewertung.

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Schwarz-Weiß-Malen. Eine Bewertung. | story.one

Modern ist es alles zu bewerten. Auf Neudeutsch sagt man "liken". Überall wird man dazu aufgefordert. Man kann nicht einmal mehr aufs Klo gehen, ohne dass einem eine Bewertung abgenötigt wird. War das Bahnhofsklo sauber genug, hat die Duftrichtung Gefallen gefunden, war das Papier weich genug?

Hotels, Geschäfte, Restaurants, Lehrer, Geschichten - alles will bewertet werden. Aber die Auswahl ist gering, denn es heißt meist nur "ja" oder "nein", "gut" oder "schlecht". Keine Nuancen, keine Zwischentöne. Sind noch zusätzliche Bemerkungen möglich, so liest man die vielleicht, aber in Erinnerung bleibt nur das "ja" oder "nein" - ein Urteil wie über Leben und Tod. Daumen hinauf oder Daumen hinunter - das Alte Rom lässt grüßen.

Soweit es möglich ist, enthalte ich mich solcher Bewertungen, weil es mir zu wenig ist. In der Pädagogik gibt es seit langer Zeit die Diskussion, ob man Schülern Noten geben soll oder nur eine verbale Beurteilung. Egal, wie man dazu eingestellt ist, so gibt es immerhin 5 Noten, womit eine Differenzierung möglich ist. Man stelle sich vor, auch in der Schule gäbe es nur ein "ja" oder "nein".

Es ergibt eine sehr simple Welt, wenn man alles nur danach beurteilt, ob es einem gefällt oder nicht. Wo bleibt die Wahrheit oder zumindest das Streben danach, wo das Verständnis, wo das tiefere Eintauchen in Sachverhalte und Motive? Wie soll man denn dorthin kommen, wo die Geschichte erst anfängt interessant zu werden?

Ich kaufe und ersteigere beispielsweise gern auf Ebay, und auch da wird man aufgefordert eine Bewertung abzugeben. Man kann aber dazu auch ein paar Worte schreiben und die Beurteilung wird gesplittet in verschiedene Wertungskriterien. Trotzdem habe ich oft ein unangenehmes Gefühl, wenn ich so eine Bewertung abgeben muss.

Sogar zu Erpressungen wird die allgemeine Bewertungswut schon genutzt, denn man hört immer öfter, dass Restaurants oder Hotels mit schlechten Bewertungen bedroht werden, falls sie keinen Rabatt geben.

Das ergibt auf Dauer eine Welt, die nur mehr schwarz-weiß kennt, nur mehr Zustimmung oder Ablehnung. Man spart sich weitere Gedanken. Schön einfach, solange es den anderen trifft, unangenehm bis verheerend, wenn es einen selber trifft.

Vielleicht ist es aber so, dass uns allen unsere Welt schon zu kompliziert geworden ist. Man sucht eine Erleichterung, eine Erlösung von den Verwirrungen und Verstrickungen, und so ist ein einfaches "mag ich - mag ich nicht" eben der gangbare Ausweg aus diesen Problemen. Wir haben nicht mehr die Zeit über alles nachzudenken, wir leben ja heute nicht nur unser eigenes Leben, wie es bis vor kurzer Zeit noch der Fall war, wir leben ein tausendfaches Leben, wir leben das Leben aller Menschen auf Erden zugleich, und dem sind wir nicht gewachsen, weil es zu schnell gekommen und zu viel ist. So surft man durchs Internet und lässt da und dort ein "like" fallen, um eine Spur zu hinterlassen in der Unendlichkeit des Lebens. Und um sich für eine Sekunde wichtig zu fühlen.

© LaDameCoeurFlip