Villenviertel

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Villenviertel | story.one

Ich wohne in einem Wiener Villenviertel, in einem der 3 sogenannten "Nobelbezirke" außerhalb des Gürtels. Ich kann nichts dafür, ich habe hier hergeheiratet. Aber ich muss schon sagen, es hat was.

Als jemand, der aus einer niederösterreichischen Kleinstadt kommt, mache ich mir natürlich so meine Gedanken über die Leute, die hier wohnen, das heißt, ich könnte sie mir machen, kennte ich die Leute überhaupt.

Es liegt auch an mir selbst, denn ich bin kein kommunikativer Typ, aber es ist halt schwer Leute kennenzulernen, die man nie sieht. Die meisten fahren mit ihren Autos aus der Garage und wieder hinein, die Gartentore sind zu und ein Wirtshaus, wo man einander zwangsläufig treffen würde, gibt es weit und breit nicht. Die Gastronomie ist überhaupt total unterentwickelt in unserer Gegend.

Aber wenn man seine Ruhe haben will, ist man hier genau richtig. Hier wird die Privatsphäre respektiert, hier fragt man niemanden etwas Privates, hier tratscht man kaum, hier vermisst man auch niemanden, wenn man ihn länger nicht gesehen hat. Hier ist es ruhig, manchmal eine Gartenparty, aber gesittet, manchmal Grillgeruch. Den größten Lärm machen die Servicemannschaften, die regelmäßig mit schwerem Gerät über die meisten Gärten herfallen und optisch monotone Ordnung schaffen. Wenn eine Alarmanlage losgeht, kümmert man sich kaum, meist ist es ein Fehlalarm.

Und man ist freundlich, wenn man mit jemandem spricht. Freundlich, aber vorsichtig. Neid ist bekanntlich eine der schlimmsten menschlichen Untugenden, und deshalb hat sich ein bisschen Understatement immer noch bewährt.

Die Prominenz gibt es, aber man merkt sie nicht. Sie ist auch thematisch breit gestreut. In den "Seitenblicken" kommt selten jemand davon vor, wo diese Promis wohnen, weiß ich nicht, jedenfalls nicht hier. Hier schätzt man es noch, wenn man unerkannt und unbehelligt leben kann. Und ich werde hier keinen einzigen Namen nennen, keine Funktion, keinen Berufszweig.

Neue Leute kommen und kaufen eine Immobilie und leben dann darin, manche mieten etwas und sind nach ein paar Jahren wieder weg. Es gibt auch die alteingesessenen Familien, die seit Jahrzehnten hier leben, wie die Familie meines Mannes. Manchmal kommt es vor, dass so ein Haus nach langer Zeit im Familienbesitz verkauft werden muss, weil es mehrere Geschwister gibt, die einander nicht "auszahlen" können. Da freut sich dann der Immobilienmarkt, denn die Angebote sind weit weniger als die Nachfrage.

Überhaupt ist Bauen und Renovieren ein großes Thema. Wo es möglich ist, werden luxuriöse Eigentumswohnungen zu luxuriösen Preisen gebaut, aber es werden auch viele alte Häuser liebevoll renoviert. Bei einer der Bauverhandlungen zu so einem Projekt hat der zuständige Beamte unsere Gegend einmal so charakterisiert: "Bei einer Bauverhandlung am Land sagt der Nachbar, er könne dem Bauherren seine Mischmaschine borgen, zu einer Bauverhandlung im XYZ. Bezirk bringen die Nachbarn gleich ihre Anwälte mit."

© LaDameCoeurFlip 16.10.2019