Wie ich zur Geschichte kam

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Wie ich zur Geschichte kam | story.one

Ich wollte schon seit Beginn meiner Oberstufenzeit Germanistik studieren, und da mir als Berufsziel nichts Besseres einfiel als Lehrerin, begann ich 1976 ein Lehramtsstudium an der Uni Wien. Zum Lehramt brauchte man aber damals, und wahrscheinlich ist es heute auch noch so, ein zweites Fach. Mich interessierte nur die Literatur, aber Englisch hätte ich mir durchaus auch vorstellen können. Da ich damals aber noch plante, tatsächlich einmal zu unterrichten, siegte die vernünftige Überlegung, kein zweites "Schularbeitsfach" zu wählen. So verfiel ich als Notlösung auf PPP, also Philosophie, Psychologie und Pädagogik.

Mein Freund, den ich am ersten Tag des ersten Semesters kurz vor der ersten Lehrveranstaltung kennen gelernt hatte, begann zusätzlich zu Deutsch mit Englisch. Die ersten 6 Wochen verbrachten wir miteinander in unseren Deutsch-Lehrveranstaltungen, denn wir hatten uns sofort einen gemeinsamen Stundenplan gemacht. Sein Englisch machte er allein, ich mein PPP. Ich muss aber gestehen, dass ich PPP etwas weg schob, denn es interessierte mich kaum.

Mein Freund war mit seinem Englisch-Studium aber auch nicht glücklich, und so kam er eines Tages Mitte November daher und erzählte mir, er wolle jetzt auf Geschichte umsteigen und fragte mich, ob ich das nicht auch machen würde. Ohne eine Sekunde nachzudenken sagte ich ja, obwohl ich Geschichte noch nie in Erwägung gezogen hatte. Ich muss gestehen, ich hätte auch ja gesagt, wenn er mir vorgeschlagen hätte, jetzt Suaheli oder Chinesische Numismatik zu studieren. Es ging mir darum, möglichst viel mit ihm zusammen zu sein, und dieser Wunsch beruhte ja auf Gegenseitigkeit.

So hatten wir von da an einen komplett gemeinsamen Stundenplan und es begann eine sehr glückliche Zeit. Geschichte und besonders das Teilgebiet der Kunstgeschichte, das wir beide besonders liebten, stellte sich als sehr interessantes und angenehmes Studium heraus, obwohl mein Herz noch lange Zeit mehr für die Germanistik schlug. Später erwog ich kurzfristig auch eine Dissertation in Germanistik, denn in meinem Eifer hatte ich alle dafür nötigen Lehrveranstaltungen schon allein aus purem Interesse absolviert. Da kamen mir aber Ehe und Kind dazwischen und später konnte ich mich nicht mehr dazu aufraffen. Promoviert habe ich sozusagen auf dem Standesamt.

Mein Freund ließ später dann, als wir schon getrennte Wege gingen, seinen Plan Lehrer zu werden fallen und machte sein Doktorat in Geschichte, da sich seine Interessen immer mehr dahin verlagerten. Und mir ging es später, ganz unabhängig von ihm allerdings, im Grunde genommen ähnlich. Ich interessiere mich heute mehr für Geschichte als für germanistische Fachgebiete. Ich lese zwar immer noch sehr viel, aber die Geschichte ist mir näher. Sogar meine Reiseziele suche ich weitgehend nach historischen Aspekten aus. Mein besonderes Interesse gilt aber der Kunstgeschichte. Das spontane Ja aus Verliebtheit hat mir eine neue Welt eröffnet.

© LaDameCoeurFlip