Auf den Punkt gebracht

Wie viele SchülerInnen lernen in der Schule Englisch, haben sogar gute Noten und können dann doch weder frei sprechen, noch einem englischsprachigen Film folgen?

Ich unterrichtete Englisch mit Leidenschaft und da ich wusste, dass einige SchülerInnen durchaus fähig waren, mit 14 in weiterführende Schulen zu gehen, legte ich natürlich Wert auf Grammatik. Aber: sie sollten erkennen, dass es sich um eine lebende Fremdsprache handelt und nicht nur um das Lernen von Regeln.

Also wagte ich im dritten Lernjahr ein Experiment.

Mit viel Mühe hatte ich es am Wochenende geschafft, "Hachiko" auf meinen Stick zu laden, und so konnten wir den Film auf meinem Laptop anschauen.

Mein Plan war es, einen Teil des Films auf Englisch zu sehen, und die Geschichte dann - freiwillig - auf Deutsch fertiglesen. So konnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Lesen gehörte nämlich (noch) nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen.

Das Buch kostet zwar € 5,20, aber niemand erhob Einspruch.

Das Englisch machte nur anfangs Schwierigkeiten, denn schon bald konnten alle dem Film gut folgen.

Womit ich nicht gerechnet hatte, das war die Tatsache, dass sie feststellten, dass alles, was wir theoretisch lernten, ja tatsächlich im Alltag angewendet wird. Ich fiel fast vom Sessel, als Dodo plötzlich "Stop!" rief. Sie hatte einen ACI erkannt, als der Taxifahrer den Protagonisten fragte: "Do you want me to call a taxi?"

Irgendwann wurde es dann offenbar doch zuviel, denn es machte sich Unruhe breit. Ich dachte, dass das nun die Stelle war, ab der wir künftig im Buch weiterlesen sollten, doch alle wollten am nächsten Tag den Film fertigsehen. Sie waren zurecht so stolz auf sich!

Da der Computer streikte, mussten wir dem Stundenplan folgen. Englisch. Ich wiederholte ein leichtes Kapitel und sagte dann: "Das war zum Aufwärmen. Jetzt wird's schwierig, denn wir lernen die Passive Voice." Worauf Bashir trocken meinte: "Und warum sagen Sie dann immer 'English is easy?'"

Die folgende Woche konnten wir den Film zu Ende sehen. Bei dem traurigen Ende weinte Dodo. Als Bashir das sah, verblüffte er mich, denn er gab offen vor der Klasse zu, dass er auch geweint hatte, als er den Film als Kind sah. Welches Vertrauen doch in dieser Klasse herrschte!

Als Hausübung hatten die SchülerInnen die Wahl: Sie konnten in einem sogenannten Freewriting auf Englisch oder auf Deutsch - nötigenfalls auch gemischt - ihre Gedanken zum Film niederschreiben. Beim Freewriting schreibt man einfach drauf los, ohne Sorge um Grammatik - das folgt erst in einer zweiten Phase, wenn die ersten Ideen in einen korrekten Aufsatz gefasst werden.

Ich freute mich immer auf diese Freewritings, denn sie waren so locker und frei geschrieben. Als ich Sings Heft aufschlug, stand da nur ein Satz: "A man found a dog and both died."

Irgendwelche Überraschungen gab es bei den Hausübungen immer wieder. Manchmal rührten sie mich zu Tränen, und manchmal- so wie an diesem Tag - konnte ich herzlich lachen.

© Ladylord