Ein Licht in dunkelster Nacht

Knapp vor meinem ersten Geburtstag verließ uns mein Vater, um in Lima ein neues Leben zu beginnen.

Obwohl ich ihn nicht kannte, fühlte ich mich ihm eng verbunden. Wann auch immer jemand etwas Negatives über ihn sagte, verteidigte ich ihn.

Ab meinen Teenagerjahren standen wir in regem Briefkontakt. Ich kann die Freude kaum beschreiben, wenn ich wieder einmal seine Worte las, die in wunderschöner Handschrift herzliche Worte an mich richteten.

Eines Tages hörte ich in den Nachrichten, dass der Österreicher Dr. F. S. in Lima wegen Drogenhandels verhaftet wurde. Obwohl alle Details keinen Zweifel daran ließen, dass es sich tatsächlich um meinen Vater handelte, weigerte ich mich, das zu glauben. Auf meine Fragen antwortete er nicht, und ich musste über ein Jahr auf Post warten. Als dann endlich ein Brief kam, war ich nicht sicher, dass er wirklich von meinem Vater war. Die Schrift war völlig verändert.

Der Wunsch, ihn persönlich kennen zu lernen war groß, doch scheiterte er am enormen Preis, den Flugreisen damals kosteten.

Ich fand die Lösung, indem ich mich bei Austrian Airlines als Flugbegleiterin bewarb. Ich wurde genommen und wusste, dass es nun nicht mehr lange dauern würde, bis ich endlich von ihm in die Arme genommen werden konnte.

Nach dem Kurs teilte mir meine Mutter mit, dass mein Vater einen Tag nach meinem Kursbeginn an einem Herzinfarkt verstorben war.

Ich flog dennoch nach Lima, und da der Botschafter gerade nicht im Land war, erlaubte mir die Sekretärin, die Akte meines Vaters zu lesen. Es war der spannendste Roman meines Lebens.

Zahlreiche Zeitungsartikel behandelten die Angelegenheit. Reich bebildert. Mein Vater als Gentleman und daneben ein Bild von ihm in Hemdsärmeln und Handschellen.

Die österreichische Gemeinschaft setzte sich tatkräftig für ihn ein, denn jeder war von seiner Unschuld überzeugt.

Als ich las, dass man doch bitte wenigstens erreichen sollte, dass er den Folterungen entgeht, spürte ich, wie mir das Blut in den Adern gerann. Klar - es war ja Südamerika. - Und das erklärte die veränderte Schrift.

Ich erfuhr, dass mein Vater- wir viele andere Ausländer - in eine Falle getappt war.

So schlimm dieser denkwürdige Nachmittag auch war, so brachte er mir doch auch ein großartiges Geschenk: Ich fand die Adresse meines Halbbruders, von dessen Existenz ich zwar wusste, den ich aber nie gesehen hatte.

Obwohl mein Bruder in Deutschland lebt, stehen wir in innigem Kontakt. Wir suchen und finden immer Ähnlichkeiten und freuen uns, wenn uns jemand bestätigt, dass wir einander ähnlich sehen. Wir haben beide keine anderen Geschwister, und es käme uns nie in den Sinn uns als Halbgeschwister zu bezeichnen.

"Immer, wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her" - Ja, und dieses Lichtlein ist ein Feuerwerk das täglich erstrahlt, wenn ich an meinen Bruder denke.

© Ladylord