Elefantenfuß im Wohnzimmer

Mit ehrlicher Bewunderung betrachtete ich die vielen Bilder, die mir Yiana von ihrer Wohnung zeigte. Sie hatte vor einem Jahr ihre brasilianische Heimat verlassen und liebte ihre erste Wohnung. Sie beschrieb mit Hingabe, welches Möbelstück sie wann und wo erstanden hatte. Doch dann beendete Yiana unvermutet unsere gemütliche Fotosession.

"Sorry, ich muss jetzt gehen, denn heute wird mein Elefantenfuß geliefert."

"Was wird dir heute geliefert? Hab ich dich richtig verstanden? Ein Elefantenfuß?"

"Ja, ein Elefantenfuß. Ich konnte kein Geschäft finden, das ein so großes Exemplar verkauft, aber im Internet wurde ich endlich fündig. "

Ich machte mir Sorgen.

War es denn in Brasilien erlaubt, Teile von Elefanten zu besitzen? Hier in Österreich machte sie sich jedenfalls strafbar.

Irgendwie passte das auch nicht zu dieser Tierfreundin, die ihre Katze abgöttisch liebte, die mir immer wieder von ihren Pferden in Itu vorschwärmte und die nicht müde wurde, von der Ranch ihres Großvaters zu erzählen.

Da es mir nicht gelang, sie telefonisch zu erreichen, nahm ich mir vor, sie am nächsten Tag einfach zu besuchen, da ich in ihrer Nähe zu tun hatte. Ich musste auf jeden Fall verhindern, dass Yiana in Schwierigkeiten kam!

Ich drückte mit äußerst gemischten Gefühlen auf die Klingel, denn die Aussicht, gleich ein graues Etwas zu sehen, das einmal Teil eines Elefanten war, beglückte mich nicht.

Yiana führte mich stolz lächelnd ins Wohnzimmer - wo eine wunderschöne Pflanze den Blick auf sich zog.

"Na, wie findest du meinen Elefantenfuß? Ist sie nicht wunderschön?"

Wahrscheinlich versteht Yiana bis heute nicht wirklich, warum mich der Anblick einer Zimmerpflanze so begeisterte, dass ich sie - Yiana, nicht die Beaucarnea - stürmisch umarmte.

© Ladylord