Sonderschüler? Nein. " BEsonderS Schüler"!

ZIS steht für "Zentrum für Inklusiv- und Sonderpädagogik". Kaum jemand kann sich unter dieser Schulform etwas vorstellen. Wer doch schon davon gehört hat, der denkt meist automatisch an ein hartes Lehrerleben. "Ah, du hast wohl Kinder mit ganz besonderen Bedürfnissen? Also: man könnte auch sagen verhaltenskreativ." Das war natürlich ironisch gemeint und tat mir immer in der Seele weh.

Für mich war es der Lehrerhimmel auf Erden.

Ich unterrichtete fast alle Fächer und nahm mir die Freiheit, den Lehrplan nach meinem Gutdünken mehr oder weniger einzuhalten. Das bedeutet nicht, dass ich meinen SchülerInnen Inhalte vorenthielt - im Gegenteil! Sie lernten weit mehr als gefordert war.

In der dritten Klasse waren weder Musik noch Zeichnen in der Stundentafel vorgesehen. Da ich aber spürte, dass der Wunsch nach diesen Fächern sehr wohl vorhanden war, baute ich sie einfach in den Stundenplan ein.

Ob die Jugendlichen nach der Schulzeit je wieder mit klassischer Musik in Kontakt kamen, das weiß ich natürlich nicht, aber ich wollte ihnen jedenfalls die Türe zu einer Welt öffnen, von der ich weiß, dass sie unser Leben bereichert.

Bevor wir uns ans Hören machten, beschäftigten wir uns immer ausführlich mit der Biographie der Komponisten. Das Schicksal Beethovens berührte sie, und dass ihre Väter heute schon älter waren, als Mozart oder Schubert es je wurden, das beschäftigte sie sehr.

Als wir zum ersten Mal Peer Gynts Morgenstimmung hörten, meinte Bashir, dass das ja Begräbnismusik sei. Außerdem wollte er wissen, ob es denn dem Komponisten erlaubt war, Drogen zu nehmen.

Ich erklärte, dass man Musik, die beim ersten Hören so völlig ungewohnt ist, einfach öfter hören muss, um Zugang zu ihr zu finden. Alle befolgten diesen Rat und Tasho meinte schließlich, dass er gerne zu dieser Musik aufwachen möchte.

Am folgenden Schultag baten mich die SchülerInnen, die ersten Stunden mit Zeichnen verbringen zu dürfen. Sie wollten gerne noch einmal die Musik hören und dazu malen! Nur Kacpar, der so gerne schrieb, drückte seine Gefühle lieber in Worten aus.

Einmal mehr war ich unglaublich stolz auf "meine kids". Sie waren nicht nur offen für Neues, sondern sie gaben einem ersten negativen Eindruck eine zweite Chance. Außerdem konnten sie auf ihre innere Stimme hören und hatten das Selbstbewusstsein, ihre Wünsche auch offen an- bzw. auszusprechen.

Sonderschüler? Ja! Aber in einem ganz anderen Sinn! Sie waren "BEsonderSschüler".

© Ladylord