Kalter Krieg - nein, danke!

Im Jahr 1990 organisierte ich in Zusammenarbeit mit einem New Yorker College ein "Summer Institute". Amerikanische Studenten und Studentinnen besuchten in Wien Kurse in österreichischer Geschichte, Deutsch und Landeskunde und sammelten auf diese Weise credits, die ihrem Studium angerechnet wurden.

Die Gruppe setzte sich aus unterschiedlichsten Teilnehmern und Teilnehmerinnen zusammen. Ein angehender Priester, künftige Lehrer und Lehrerinnen, ein Mathematiker und eine großartige Sängerin.

Ich bemühte mich, auch ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm zusammen zu stellen. Neben einer Radtour am Neusiedlersee, besuchten wir Konzerte, gingen ins Schwimmbad und hielten einmal den Deutschkurs sogar in einem Eissalon ab.

Eines Abends waren wir im Wiener Rathauskeller. Die Stadt Wien hatte uns eingeladen und einen sehr schönen Raum für uns reserviert. Die Stimmung war fröhlich und alle genossen das gute Essen. Außer uns waren keine Gäste da.

Nach einer Weile setzte sich eine Gruppe junger Männer an die freien Tische. Auch sie waren ausgelassen, doch leider waren ihre Gespräche so laut, dass wir in dem Kellergewölbe Schwierigkeiten hatten, unsere eigenen Worte zu verstehen. Schnell stellte sich heraus, dass es Russen waren, die nun offenbar eben lauter sprechen als wir.

Im Sinne der Völkerverständigung ging ich zu der Gruppe, denn ich dachte, es wäre doch nett, wenn wir alle den Abend gemeinsam verbringen würden.

Wie konnte das Eis am besten gebrochen werden? "Singen wir doch!", war der Vorschlag der Russen. Klar - tolle Idee, denn wir hatten ja Lucy, unsere Sängerin! Sie stand auf und ihre klare Stimme löste bei vielen von uns Gänsehaut aus.

Ob es in der Männergruppe auch einen Sänger gab, der gut singen konnte?

Einen Moment war es ganz still und dann standen alle Russen auf. Sie atmeten hörbar ein und was dann folgte, das berührt mich heute noch so tief, dass ich mich frage, ob ich Worte finde, die die folgenden Minuten beschreiben können.

Die Männer waren nämlich professionelle Sänger, die zu einem Gastspiel in Wien zu Besuch waren. Sie sangen ein russisches Volkslied und ihre Stimmen erfüllten diesen Kellerraum berührender, als man es wohl je in einem Konzertsaal erleben kann.

Für uns alle war der ursprüngliche Grund unseres Besuches - nämlich österreichische Küche zu genießen - in den Hintergrund gerückt. Was zählte, das war das teilweise abwechselnde, teilweise gemeinsame Singen.

Schon bald rückten wir die Tische zusammen und die Tatsache, dass kaum jemand die Sprache des anderen sprach bildete kein Hindernis. Der gegenseitige Respekt war das, was zählte!

Den jungen Menschen war der Kalte Krieg unwichtig. Sie bewiesen, dass offenes Zugehen auf einander der Schlüssel zu unkomplizierter Völkerverständigung ist.

© Ladylord