Unverhoffter Gruß aus der Heimat

Als Zwanzigjährige unternahm ich 1974 allein und abenteuerlustig eine Reise nach Perù und da war Machu Picchu natürlich ein Fixpunkt meiner Reiseroute.

Ich hatte ein Zimmer in dem einzigen "Hotel" (einer Wellblechütte) gebucht, denn ich wollte am folgenden Morgen noch lange vor der Ankunft der Tagestouristen (damals etwa 200!) in aller Ruhe die alte Inkastadt erkunden.

Der einzige Mensch, den ich zu dieser Tageszeit traf, war ein peruanischer Universitätsprofessor. Er überredete mich, den Huayna Picchu zu besteigen, denn von dessen Gipfel hat man einen einzigartigen Blick auf die Inkastadt. Ich zögerte, doch als mir der Professor erklärte, dass der Eiffelturm höher ist, als der Höhenunterschied zwischen Machu Picchu und dem Gipfel, stimmte ich doch zu.

Anfangs war der Aufstieg ganz unspektakulär. Die hohe Luftfeuchtigkeit des Regenwaldes konnte ich relativ gut ertragen, nicht aber die vielen Moskitos, die mir das Leben schwer machten. Die üppige Vegetation entschädigte mich jedoch für mein Leid. Wenn man den Blick ein wenig schärfte, konnte man sogar Orchideen durch das Dickicht der Gräser und Farne sehen!

Je höher wir stiegen, desto karger wurde die Landschaft und bald sah ich nichts mehr außer Stufen. Hohe Stufen. Unregelmäßig in den Fels geschlagene Stufen. Nur etwa 40 cm breite - teilweise recht feuchte - Stufen, die ich streckenweise nur erklimmen konnte, wenn ich meine Füße vorsichtig seitlich aufsetzte. Links die steil aufragende Felswand - rechts der tiefe Abgrund. Düstere Gedanken stiegen in mir auf. Wie lange fällt man wohl, bis man am Boden aufschlägt? Verliert man schon während des Fallens das Bewusstsein, oder erlebt man den Aufprall noch bei vollem Bewusstsein? Wieviele Inkas starben wohl beim Erbauen dieser Stufen? Würde mich je jemand suchen, bzw. finden, wenn mich ein falscher Schritt zu ihnen brächte?

Nicht nur meine Füße schmerzten, sondern auch meine Hände. Meist konnte ich mich nämlich nur auf allen Vieren fortbewegen um mich halbwegs sicher zu fühlen. Ein einsetzender Kopfschmerz machte die Sache nicht leichter. Die dünne Luft machte das Atmen schwer und mich quälte schlimmer Durst.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel! Nein, nicht auch noch Regen! Zum Glück war ein paar Schritte weiter eine der vielen Höhlen. Erschöpft ließ ich mich auf den feuchten Stein fallen. Am liebsten wäre ich eingeschlafen - und erst in meiner gemütlichen Wohnung in Wien wieder aufgewacht.

"Na, des a no! A Regn. " Warum hörte ich meine Gedanken so klar? Und zwar auf Wienerisch, das ich doch gar nicht sprach?

War ich ein Opfer der Höhenkrankheit? Es kostete mich meine letzte Kraft, nicht in Panik zu geraten. Sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte ich, dass tatsächlich zwei junge Burschen unweit von mir kauerten.

Sie waren seit einigen Monaten auf Weltreise und sie konnten es kaum glauben, dass sie nach langer Zeit mitten im Nirgendwo eine Wienerin trafen.

© Ladylord