Vivaldi und der Mandarinenspieler

Ich spiele mit Begeisterung Mandoline und dieses Instrument und alles, das sich um es dreht, zieht mich in seinen Bann.

Ganz besonders der Virtuose Avi Avital. Als ich ihn voriges Jahr im Wiener Konzerthaus erleben durfte, zehrte ich noch lange von diesem Abend.

Dass ich für sein diesjähriges Konzert keine Karten bekommen konnte, machte mich wirklich traurig. Umso größer war daher meine Freude, als mir meine Mandolinenlehrerin Nataliya mitteilte, dass sie für uns beide Karten für dieses Konzert hat.

Weihnachten, Ostern und mein Geburtstag fielen zusammen!

Ich gehe relativ häufig ins Konzert und natürlich freue ich mich auch immer auf diese Abende, aber diesmal saß ich mit Herzklopfen neben Nataliya und konnte den Beginn kaum erwarten. Endlich kam der Saaldiener, brachte seinen Klavierstuhl und legte die Noten auf das Pult. Wir hatten sehr gute Karten und so konnte ich jede Bewegung des Künstlers beobachten. Das Wissen, dass meine Sitznachbarin und ich auf eine gewisse Art nachempfinden konnten was es bedeutet, so Großartiges auf "unserem" Instrument zu vollbringen, erfüllte mich mit einem ganz besonderen Gefühl.

Während der "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi spürte ich förmlich, wie Avi mit seinem Instrument verschmolz und ich denke, dass er sich keine Sekunde bewusst war, wo er sich befand.

Er war einfach.

Auch Vivaldis Concerto in C-Dur für Mandoline und Orchester ließ ihn und uns die Gegenwart vergessen.

Das letzte Stück, "Ascending Bird" von Colin Jacobsen (dem Bruder des Dirigenten) wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Im Programm steht, dass der Klang den Zuhörer in einen Schwindel versetzt, und so war es auch. Das rasante Tempo und die unzähligen Akkorde verschmolzen zu einer einzigen Klangwolke, die keine einzelnen Töne erkennen ließ.

Wieder schloss Avi die Augen und nur er weiß, in welchen Sphären er schwebte.

Nach dem Konzert eilten wir zum Künstlerzimmer und da wir die einzigen waren die ihn besuchten, hatten wir gute fünf Minuten Gelegenheit mit Avi zu plaudern. Ich bin normalerweise eher reserviert, und so war ich über mich selbst erstaunt, als ich ihn doch tatsächlich fragte, ob ich ihn umarmen durfte. Ja, ich durfte. Nachdem er meine CDs geduldig signiert hatte, nahm er sich sogar noch Zeit für ein paar Fotos!

Was für ein Abend!

Ich schwebte förmlich zur Straßenbahn. Während der Fahrt war ich immer noch bei diesem großartigen, außergewöhnlichen Abend.

Da katapultierten mich die folgenden Worte des Fahrgastes hinter mir unsanft in die Wirklichkeit.

"Na, der Mandarinenspieler (kein Tippfehler - er sagte es tatsächlich!) war schon toll. Aber er muss halt noch ein bisserl üben, denn wenn ich spiele, brauche ich keine Noten. Und dass er ein Konzert in C-Dur gespielt hat - na, die hat ja nicht einmal Vorzeichen."

Offensichtlich hatte dieser Fachmann das Konzert nicht so genossen wie ich.

© Ladylord