Wo ist Tante Poldi?

Kurz nach dem Tod meiner geliebten Großtante sagte meine Mutter zu meinem älteren Bruder Michael und mir: "Kommt Kinder, heute besuchen wir Tante Poldi auf dem Friedhof."

Ich war damals vier Jahre alt und wusste nicht, was ein Friedhof ist.

Ich steckte ein paar Schokoriegel ein, denn Tante war eine große Naschkatze. Wir fuhren zum Eingang eines Parks. Ich fragte mich, warum Tante uns heute an diesem Ort erwartete, denn es war kalt und windig. Wirklich kein Tag, an dem man spazieren ging.

Der Spaziergang schien kein Ende zu nehmen. Wenn ich aufschaute, sah ich die kahlen Äste, die klare Bilder an den grauen Himmel malten. In meiner Augenhöhe brachten bunte Blumen und Kränze Farbe in diesen trüben Tag. Offfenbar hatten viele Menschen Minigärten in diesem Park. Vor manchen Steinplatten standen Laternen in denen Kerzen brannten - obwohl doch kein Laternenfest war.

Irgendwann blieben wir stehen.

Mutti stellte eine Kerze in die Laterne vor einem großen Stein.

Ich wurde ungeduldig. Ich wollte endlich Tante Poldi sehen und ich konnte es kaum erwarten, ihre freundliche Stimme zu hören.

Als aber kurz darauf mein Bruder einfach zu sprechen begann, wollte ich wieder zum Gehen drängen. "Bitte, …" Doch wieder schaute Mutti streng und ihr "Schscht!" duldete keinen Widerspruch.

Aber warum durfte Michael reden? Offenbar plauderte er mit Tante Poldi, denn er sprach sie sogar mit ihrem Namen an. Ich war verwirrt. Außer ihm und Mutti war niemand da.

Ich schaute mich immer wieder um. Aber sosehr ich mich bemühte - da war keine Tante!

Es gab nur eine Erklärung: sie versteckte sich hinter dem großen Stein!

Ich machte einen Schritt auf den Stein zu um sie zu entdecken, doch Mutti hielt mich mit einem unerwartet harten Griff zurück.

Mein Bruder erzählte immer noch.

Gekränkt steckte ich meine eiskalten Hände in die Manteltasche. Da spürte ich die Schokoriegel. Ich raschelte mit dem Papier, denn diesem Geräusch konnte Tante Poldi bestimmt nicht widerstehen! - - - Doch auch dieser Trick funktionierte nicht.

Sosehr ich auch gebannt auf den Stein schaute - von Tante war nichts zu sehen.

"Also dann, Tante, bis zum nächsten Mal.", sagte mein Bruder, und auch Mutti meinte: "Ja, Poldi, bis zum nächsten Mal."

Ich war verwirrt, doch bevor ich etwas fragen konnte, nahm Mutti meine Hand und wir gingen wieder zum Eingang des Parks. Ich drehte mich immer wieder um, denn ich hoffte bis zum Schluss, dass Tante Poldi doch noch kommen würde.

Natürlich wartete ich vergebens.

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