Kennst du mich noch?

Sie stieg in den Bus ein und schaute sich nach einem Sitzplatz um. Doch bevor sie einen finden konnte, sah sie ihn. Ihr Herz blieb stehen, ihre Pupillen vergrößerten sich. Sie starrte lange auf ihn, bis sie irgendwann „Rabengasse“ hörte. Es war der Name der Station, bei der sie aussteigen musste. Binnen Sekunden musste sie also eine Entscheidung treffen – ihn ansprechen oder einfach aussteigen.

Sie ging zu ihm und sagte „hallo“, doch bereits in der Sekunde, in der sich ihre Lippen öffneten und der Ton aus ihrem Mund herauskam, bereute sie es. Er schaute sie an, musterte sie von unten nach oben und sagte „hallo“. Sein Gesicht war aber ausdruckslos, fast so ausdruckslos wie an jenem letzten Abend. Der Bus blieb bei der roten Ampel stehen. Kannte er sie wirklich nicht mehr? Es gab nur einen Weg, es herauszufinden. „Kennst du mich noch?“, fragte sie nervös. Der Mann schaute sie verloren an und schüttelte den Kopf. „Nein.“ Sie spürte, wie er ihr Herz nur durch ein Wort brechen konnte, auch jetzt noch. „Und Sie?“. Er siezte sie.

Im Bus war es schon leise, Jugendliche hatten ihre Musik auf Pause gedrückt, ältere Menschen schauten nicht mehr in ihren Zeitungen, ja sogar der Busfahrer schien langsamer zu fahren, um das Geschehen zu beobachten. Sie merkte, sie hatte einen Fehler gemacht und wollte nur mehr aussteigen. Wie konnte er sie nicht mehr erkennen. „Ja. Aber vergiss es.“, sagte sie, und wollte schon Richtung Tür gehen, um endlich auszusteigen. Der Weg von der Ansage bis zur Station schien ihr noch nie so lange wie jetzt. „Von wo?“, fragte er. Sie drehte sich wieder zu ihm um, diesmal aber ohne ihm in die Augen zu schauen. Sie fixierte einen Punkt in der Heckscheibe des Buses und sagte „Von Mariahilf...von früher...aber vergiss es“, während die Erinnerungen sie wie ein Wasserfall überfielen.

Für einen kurzen Moment dachte sie, hoffte sie, er würde sich endlich erinnern. Sie schaute wieder zu ihm, doch er sagte nichts und schaute weiterhin so verloren wie vorhin. Die Bustüren gingen auf und sie stieg aus. Am Weg nachhause konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und fing an zu weinen. Die Tränen auf ihren Wangen fühlten sich wie eine Säure an, die ihr Gesicht verätzen würden – Doch ihr Herz fühlte sich schlimmer an. Sie ging schneller und schneller, so als würde sie von ihm weglaufen wollen, als könnte sie von ihren Erinnerungen weglaufen können und sie so weglöschen können, wie er es anscheinend getan hatte. Sie war für ihn eine Fremde. Er hatte alles vergessen. Sie hatte nichts vergessen.

© Ladyne