Wo sind die beiden?

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Wo sind die beiden? | story.one

95 und 94 Jahre alt, seit über 60 Jahren verheiratet. Ein Leben lang gediegen und elegant den Weg gemeinsam beschritten und heute ist davon scheinbar beinahe nichts übrig.

Wie kommt es, dass ein Mensch, der sein ganzes Leben Werte und Prioritäten hatte, Pläne und intensive Gefühle, irgendwann von all dem ablässt? Muss er davon ablassen, wird es ihm genommen? Oder reicht einem das Alter die Hand und flüstert vertrauensvoll: "Lass gehen, es ist in Ordnung", worauf man sich dem gerne fügt und ruhig sitzend der Welt zuschaut, in jener man einst ein aktiver Teil war.

Es sind Tante und Onkel meiner Großmutter, kinderlos, für die ganze Familie "Goli" und "Onkel F.", für mich eigentlich wie Oma und Opa. Jahrelang reisten die beiden durch die Welt, wussten um ihre Privilegien und schätzten das Leben. In der Nachkriegszeit geboren, durch die Kriegszeit geschritten, hätten sie viel zu berichten gehabt, doch behielten das meiste für sich. Stattdessen fragten sie. Uns Kinder - und man beachte, dass ich bereits die dritte Generation bin, die die beiden heranwachsen sehen.

Wenn wir sie besuchten, in ihrer fein eingerichteten Wohnung, die sie seit mehr als 40 Jahren bewohnten, begegnete uns nie etwas Neues oder Unerwartetes. Die Porzellanfiguren waren feinsäuberlich auf dem hellblauen Häkeldeckchen im Wohnzimmer platziert, die vier Bilder eines Baumes, der die Jahreszeiten durchlebte, hingen, wie immer, gepflegt an der Wand.

Für jedes Glas hab es einen Untersetzer, damit der Tisch keine unschönen Ränder davontrug und man wurde mit seinen Lieblingskeksen verwöhnt.

Und dann fragten die beiden. Was uns bewegt, wie es in der Schule läuft, wie es uns mit unseren Eltern, später wie es uns mit den Kindern geht, wie der Hausbau voranschreitet, was unsere Wünsche und Träume sind.

Auf die Frage: "Goli, wie geht es euch?" kam immer die gleiche Antwort: "Danke, wir sind zufrieden." Und das waren sie immer. Das Alter plagte die beiden sichtlich, Schmerzen, Gebrechen und ein wenig Einsamkeit. Doch sie nannten sich zufrieden.

Onkel F. wurde krank und Goli konnte sich aufgrund ihrer eigenen Schwäche nicht mehr um ihn kümmern. Die Familie entschied sich - gemeinsam mit ihnen - sie umzuquartieren. In ein Altenheim, das ihnen passende Pflege bot.

Die Besuche schmerzen mich jedesmal, obwohl die beiden immer noch herzlich jeden Gast empfangen. Doch es drängt die Frage-rücksichtslos gegenüber allem anderen kämpft sie sich jedes Mal in meinen Kopf: "Was ist geblieben?"

Wo sind die beiden wirklich?

Ich traue mich nicht danach zu fragen. Es scheint eine Grenze zu geben. Jedes Mal begleitet mich das Gefühl nach Hause, dass die beiden in ihrer charakteristischen Wohnung geblieben sind und nur als funktionierende Porzellanfiguren in ihrem neuen "Zuhause" leben.

Wie muss es sein, 95 Jahre zu sein? Ein ganzes Leben auf dem Rücken zu tragen, gefüllt mit Erfahrungen, Leiden, Träumen, Plänen und Glücksmomenten? "Danke, wir sind zufrieden." Ich weiß es nicht.

© LaKaefa