Das Gewitter

Das Gewitter wartete nicht auf den Einbruch der Dunkelheit, um loszudonnern. Als hätte der Himmel seine Schleusen geöffnet, prasselte der Regen rücksichtslos auf die Köpfe derer, die das Pech hatten, noch auf der Straße unterwegs zu sein. Es waren nur noch wenige Menschen zu sehen, die meisten hatten sich offenbar bereits in ein Cafe oder ein Restaurant geflüchtet, um das Unwetter abzuwarten.

Mein Blick schweifte zu den anderen Fahrgästen, die wahrscheinlich ebenso wie ich froh waren, wenigstens im Trockenen zu sitzen. Schräg gegenüber von mir saß eine alte Frau. Ein Tuch fest um ihren Kopf geschlungen, starrte sie auf den schmutzigen Boden vor ihr. Da der restliche Boden einigermaßen sauber war, musste wohl die alte Frau für die Verschmutzung vor ihr verantwortlich sein. Angewidert wandte ich mich ab. Mein Blick glitt weiter zu einem Mann in der hinteren Ecke des Waggons und mit einem leichten Stirnrunzeln bemerkte ich seinen starren Blick, der direkt auf mich gerichtet war. Mit einem unguten Gefühl wandte ich mich ab auf der Suche nach weiteren Fahrgästen. Zu meinem Erschrecken musste ich feststellen, dass außer mir, der alten Frau und des wenig vertrauenerweckenden Mannes keine Gäste in der Straßenbahn waren.

Ein ohrenbetäubender Donner und ein greller Blitz ließen mich zusammenzucken. Offensichtlich befand sich das Gewitter nun direkt über uns. Ein verstohlener Seitenblick zeigte mir, dass der Mann mich noch immer beobachtete. Meine Haltestelle war noch mindestens 20 Minuten entfernt. Fieberhaft hielt ich Ausschau nach Menschen, die vielleicht noch zusteigen wollten. Doch jede Haltestelle, die wir passierten, war menschenleer. Die einbrechende Dunkelheit und das immer heftiger werdende Gewitter steigerten meine Unruhe. Eigentlich kein ängstlicher Mensch, wollte ich mich auch von diesem Mann nicht einschüchtern lassen. Entschlossen straffte ich meine Schultern und blickte entschieden geradeaus. Doch als der Mann sich erhob, war es mit meiner Selbstsicherheit vorbei. Mit einem Ruck stand ich ebenfalls auf und trat einen Schritt vor. Ich sprang ab und hörte das Rattern der Straßenbahn im Dunst verklingen.

© LanaDelgani