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#familienwahnsinn

90 und kein bisschen leise

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90 und kein bisschen leise | story.one

Im Sommer 2014 feierte meine liebe Großmutter, der Herr hab´ sie selig, ihren stolzen Neunziger. Zur Feier des Ehrentages bat sie mich, ihre einzige Lieblingsenkeltochter, schon Wochen vor ihrem Geburtstag, sie zur Jubilarenfeier zu begleiten. Wenn der Herr Bürgermeister höchstpersönlich zur Ehrentafel lud, ließ sich meine Luisi Oma nicht zweimal bitten. „Schau, dass du was Ordentliches anziehst und die Haare richtest dir auch!“, gab sie mir mahnend mit auf den Weg.

An einem heißen Montag im Juni war es endlich so weit. Die Feier in den altehrwürdigen Hallen unseres Gemeindamts stand kurz bevor. Luisi Oma war in ihrer Feierlaune kaum zu bremsen und ließ es schon das ganze Wochenende mit Freundinnen und Familie krachen.

In aller Früh am Montag wollte ich Oma gleich einmal per Telefon gratulieren, sie hob ab und ich trällerte ein Fröhliches: “Happy Birthday to you, happy Birthday to you, Happy"

„Kannst schon wieder aufhören, dein Vater ist am Apparat“, unterbrach er mich aufgebracht.

„Was ist denn? Wieso bist du schon bei Oma?“, fragte ich verstört.

„Bei der Oma haben´s heute in der Nacht eingebrochen. Die Polizei rennt grad durchs ganze Haus und den Garten und macht die Spurensicherung. Die Einbrecher sind durch den Keller eingestiegen, haben das Fenster unten eingeschlagen und sind über die Stiege ins Erdgeschoss! Sie haben Schmuck und Geld gestohlen!“

Um Gottes willen! Mir rutscht mein Herz bis auf den Holzboden und ich muss mich vor Schreck auf den roten Hocker neben mir setzen. „Wie geht’s Oma? Ist sie ok? Ist ihr was passiert?“, panisch bombardiere ich meinen Vater mit besorgten Fragen.

„Die Oma, ha die Oma?! Ob´s der gut geht, deiner Oma?“, stresst er ins Telefon. „Die sitzt grad beim Frisör und lasst mich hier die ganze Arbeit mit der Polizei erledigen!!“, stöhnt er. Im Hintergrund hektisches Stimmengemurmel.

„Wie jetzt? Wieso beim Frisör?“, erkundige ich mich ungläubig.

„Ja schön machen lassen wollt sie sich für die Feier heute Nachmittag und ein bissl verwöhnen solle man sie, hat sie gesagt! Du ich kann jetzt nicht mehr reden, die wollen dauernd was von mir!“ Genervt würgt mein Vater mich ab und legt auf.

Grinsend und beruhigt trinke ich meinen Kaffee. Typisch Oma!

„Du Oma, wie geht´s dir eigentlich?“, frage ich sie nachmittags bei der Feier. Strahlend frisch dauergewellt und adrett geschminkt lächelt sie mich an „Blendend! Heute ist mein Neunziger. Wie soll´s mir gehen?“ Sie hat den Einbruch bisher mit keinem Wort erwähnt. „Na, ich mein wegen heute Nacht und so??“, flüstere ich vorsichtig. Sie schlürft andächtig vom Kamillentee und nimmt genüsslich ein riesiges Stück Sachertorte auf ihr Gabelchen, winkt lässig mit ihrer faltigen Hand ab und spricht verächtlich:“Glaubst ich lass mir von einem kleinen Halunken meinen Neunziger verderben? Na, sicher nicht!“ Damit war das Thema für sie erledigt. „Prost die Damen – hoch die Tassen!, kreischt sie ihren Tischnachbarinnen vergnügt zu und freut sich ihres Lebens.

© LaPlumita 2020-11-21

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