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Vom FRAU sein

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Vom FRAU sein | story.one

Ich bin dabei die neuen Unterhosen meines Sohnes zu bezahlen. "Sie bekommen heute minus 20 Prozent." "Jö, wie komm ich zu der Ehre?", freu ich mich. Die nette Verkäuferin erklärt mir, dass der Woman Day coronabedingt vom März auf heute verschoben wurde. Jawoll wie toll. Mati steht mit seiner Unterhose hinter mir an der Kasse. "Bekommt der junge Mann hinter mir auch den Rabatt?", ersuche ich sie höflich. Sie nickt und macht ihm eine Riesenfreude.

Matias, der vierzehnjährige Freund meines Sohnes mit seinen blonden Locken grinst mich verschmitzt an und dankt mit einer Charmeoffensive sondergleichen: "Danke, dass du eine FRAU bist!"

Es dauert ein Weilchen bis dieser bedeutungsvolle Satz bei mir richtig ankommt. Der erstaunten Verkäuferin hinter der Registrierkasse geht es ähnlich. Wir stehen uns gegenüber, schauen uns verwundert an und beginnen vor Entzückung zu lachen. "Das werd ich mir merken!", sagt sie, "Sowas hat noch nie wer zu mir gesagt!" Ich strahle Matias an: "Tatsächlich hat mir nie zuvor irgendjemand für mein Frau-Sein gedankt! Danke Mati!"

Danke, dass du eine Frau bist. Das muss ich mir nochmal auf der Zunge zergehen lassen. Was für ein großartiges Kompliment! Ja, ich bin froh eine Frau zu sein und ja ich bin dankbar überhaupt zu SEIN. Auch wenn es nicht immer leicht ist.

SEIN - das ist wohl das Gebot der Stunde. Viel zu viel Hetzerei, viel zu wenig Ruhe, viel zu viel Stress, viel zu wenig Muße, viel zu viel Oberfläche, viel zu wenig Tiefgang, viel zu viel Konsumwahn, viel zu wenig Nachhaltigkeit, viel zu viel Zwist, viel zu wenig Frieden, viel zuviel von allem, viel zu wenig WENIGER.

Ich bin Tochter, ich bin Mutter, ich bin Exfrau, ich bin Freundin, ich bin Lebensgefährtin, ich bin Bonusmutter, ich bin Geldverdienerin, ich bin Haushälterin und ich bin Managerin all meiner Lebenslagen. In so vielen ICHs, die sich ineinander verwirren, verliert Frau sich schon mal. Wir beginnen über die selbst gespannten Netze zu stolpern um danach immer wieder aufzustehen, für UNS und die anderen. Wie oft ist uns dafür schon ernsthaft gedankt worden?

Wäre ich ein Mann, hätte es heute keine Prozente gegeben. Grandiose Farce! Bekommen wir deswegen einmal im Jahr beim Shoppen ein paar Euros erlassen, damit wir den Equal Pay Day leichter ertragen? Die Gender Pay Gap nicht noch weiter auseinanderklafft? Ungleichbehandlung, #metoo Debatten, 2020 leben wir in einer Gesellschaft, die es noch nicht geschafft hat faire Lösungen für alle zu finden.

Seit weit über hundert Jahren emanzipieren wir uns, kämpfen für Gleichberechtigung, versuchen in Universitäten, Vorstandsebenen und Regierungen Einzug zu halten um unsere wertvollen Stimmen einzubringen. Wir haben es schon weit gebracht. Doch da geht noch mehr. Ich freue mich auf den Tag, an dem wir nicht mehr unseren Mann stehen müssen, sondern unsere Weiblichkeit leben dürfen - authentisch, ehrlich und ohne Tabus. Wir wollen ganz Frau sein mit all ihren Aspekten.

Danke, dass du eine Frau bist!

© LaPlumita 30.06.2020

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