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AUGUSTIN

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AUGUSTIN | story.one

Die Medienlandschaft in Österreich ist bunt, vielfältig, reichhaltig. Tageszeitungen, Wochenzeitungen, U-Bahn-Zeitung, Straßenzeitung, elektronische Zeitungen, sozial-, politisch-, ökonomisch-, und ökologisch orientierte Zeitungen, Bezirkszeitungen, Newsletter per E-Mails und so weiter, die Zahlen und Namen sind erweiterbar.

Zwei dieser Zeitungen, die wöchentlich oder zweiwöchentlich erscheinen, begegnen uns tagtäglich, wohin wir auch immer gehen. Mit diesen zwei Medienarten sind weniger leichte, eher geschlagene Schicksale verbunden, und stehen Menschen dahinter, die an vielen Fronten des Lebens zu kämpfen haben. Da ist eine Zeitung, die ich Supermarktzeitung nenne, weil deren Verkäufer/innen immer vor den Supermärkten stehen. Manche von ihnen bringen sogar ihren eigenen Stuhl mit Sitzpolster mit und stellen ihn vor oder neben dem Supermarkt. BILLA, HOFER, LIDL, MERKUR oder SPAR, diese Zeitungen und deren Verteiler bilden ein fixes Erscheinungsbild davon. Bei dieser Zeitung handelt es sich weniger um Verkaufen als eher um Bettelei. Monopol darauf haben ausschließlich Rumänen. Bis jetzt weiß ich nicht, was für eine Zeitung das ist, welchen Inhalt sie hat und woher die vermeintlichen Verkäufer/innen sie beziehen.

Die andere Zeitung, hinter der ein ernstes Projekt steht, das Menschen in Not hilft, ist AUGUSTIN. Die Verteiler diese Zeitung stehen eher in den U-Bahn Stationen und versuchen, ohne sich aufzudrängen, ihre Zeitung an den Mann oder an die Frau zu bringen. Ein Verkäufer dieser Zeitung, ein Schwarz-Afrikaner, treffe ich immer am Schottentor in der U-Bahn Passage. Immer ein Lächeln auf den Lippen läuft er hin und her, wedelt mit einer Zeitung und schleudert unverständliche Worte, eher aneinanderreihende Zischlaute, die keiner Sprache zuordenbar waren. Ich nehme immer einen Augustin von ihm, wenn eine Neuerscheinung herauskommt. Er kennt mich, geht immer auf mich zu, wenn er mich von der U-Bahn kommen sieht und drückt mir eine Zeitung in die Hand.

Heute war es wieder so weit; die neue Ausgabe von AUGUSTIN war da. Ich bekam meine Zeitung und machten wir dabei auch ein Smalltalk. In dem Moment kam der Obdachlose vom Votivpark, dem ich vor einigen Monaten einen Mantel schenken wollte, er aber diesen zurückwies, auf mich zu. Er fragte mich, ob ich eine Zigarette für ihn hätte. Da ich nicht Raucher bin, konnte ich ihm damit nicht dienen. Dann fragte er mich, ob ich ein Euro für ihn hätte. Ich griff in meine Geldbörse, die ich in der Hand hatte, und nahm die einzige 2-Euro Münze und gab sie ihm. Dann der AUGUSTIN-Verkäufer zu ihm: „Warten Du, Warten!“. Er ist zur einer Säule gelaufen, wo seine Tasche mit Zeitungen und privaten Sachen darin angelehnt war. Er nahm ein Plastiksackerl heraus und kam zurück. Aus dem Sackerl nahm er ein Döner Kebab, wahrscheinlich sein Frühstück oder seine Vormittagsjause, teilte ihn in zwei Hälften und gab dem Obdachlosen eine davon.

Das hat mich zu tiefst gerührt.

© Latif Hávrest 16.09.2020

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