Am Anfang war das Gulasch

Irgendwann im Frühjahr 2017 springt mich ein Rezept für Speckknödel an. Sofort befinde ich mich in Gedanken auf einer Hütte in den südtiroler Bergen, vor mir ein Teller Gulasch mit Speckknödeln. „Ich muss mal wieder nach Südtirol“, beschließe ich.

Der zweite Aha-Moment folgt, als ich vom Marathon am Stilfser Joch erfahre. „Bäm!“, macht es in meinem Kopf. Würde ich an göttliche Zeichen glauben - hier ist eins!

Bedenken wegen der Höhenluft und meines Alters wische ich weg. Mein Entschluss steht fest: 2018 werde ich Marathon am Stilfser Joch laufen - und danach Gulasch essen!

Glücklicherweise bieten meine Heimatstadt Dortmund und das Sauerland passable Trainingsbedingungen. So treffe ich am 14. Juni 2018 relativ zuversichtlich im schönen Vinschgau ein.

Nervös werde ich erst, als wir am Tag vor dem Lauf eine Streckenbesichtigung mit dem Auto machen. Wenn die Karre sich in den Kehren schon so anstrengen muss, wie würde es mir dann ergehen?! Egal. Zweifel wegwischen, laufen, mit Gulasch belohnen.

16. Juni, Startschuss. 15 Kilometer flaches Einlaufen, ich lasse es ruhig angehen und genieße. Und dann das! Kaum führt der Weg bergauf, fange ich an zu gehen. Enttäuschung, Frust. Ich schaue vom Boden nach oben, um zu sehen, wie steil dieser Anstieg eigentlich ist. Doch ich sehe etwas Wichtigeres: Alle gehen. Das ist also meine Aufgabe für die nächsten 27 Kilometer? Wandern?

Erfahrene Bergläufer machen mir Mut, sagen, dass auch sie nur laufen, wenn es das Gelände zulässt. Ich akzeptiere, dass ich ab jetzt Walker bin. Bald befinde ich mich in einem Grüppchen, das sich den Berg hinauf quält. Fotopausen sind Pflicht, die Landschaft und die Höhenluft rauben den Atem. Dennoch gelingt es mir, immer wieder zu laufen, wenn der Weg es erlaubt. Das klappt sogar richtig gut.

Als ich die Passstraße erreiche, gehe ich auf die Knie und küsse den Asphalt. Doch dann schaue ich nach oben und sehe, wie sich die Straße den senkrechten Hang hinauf schlängelt. Das sieht nicht aus wie sieben Kilometer, sondern wie 700. Ich trabe an und verfalle schnell wieder ins Power-Walking.

Ich motiviere mich mit dem Gedanken an ein kaltes Bier und einen Teller Gulasch und marschiere Kehre um Kehre den Berg hinauf. Ich beschließe, den letzten Kilometer zu laufen. Doch als die Markierung auf dem Boden erscheint, kapituliere ich. So weit noch! Vielleicht kann ich ja ab der letzten Kehre laufen.

Geschafft - Kehre 1 ist erreicht. Aber laufen? Nein. Die aufmunternden "Bravo"-Rufe von Wanderern und Radfahrern motivieren mich.

Als ich das Ziel höre, laufen meine Beine von alleine. Noch eine Kurve, mein Name aus den Lautsprechern, ich renne ins Ziel, bekomme die verdiente Medaille.

Nach dem Duschen studiere ich die Speisekarte einer Hütte. "Hier gibt es Gulasch!", rufe ich.

Doch ich ich habe gar keinen Hunger.

Der Stelvio-Marathon hat mir sehr viel gegeben. Ich bin Trails und Berge gelaufen und habe viel gelernt. Danke!

Nur Gulasch gab es keins mehr.

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