Sein letzter Lauf

"Ich laufe den Hamburg Marathon" sagte Gordi eines Morgens "ich bin schon angemeldet". Wieder so eine Himmelfahrtsaktion...untrainiert und gefühlt auf den letzten Drücker - den verletzten Knöchel noch nicht ausruriert. Wir waren beide den ganzen Winter nicht gelaufen. Ich wegen eines Bänderiss und Gordi hampelte seit Monaten mit einer Entzündung im Knöchel herum. Mal besser, mal schlechter...aber so richtig los wurde er es nicht. Ich erzählte ihm immer wieder etwas von Geduld und "es muss vollständig ausheilen" und wusste doch selber, wie schwer es ist, die Füße still zu halten. Es wurde dunkel um ihn. Er schrieb Texte, die seine Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung deutlich werden ließen. Es war sein Hilferuf. Er postete sie nicht - er schickte sie mir als Whats App oder via Mail. Ich las sie und ich sah es nicht. Verstand es nicht. Fühlte die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, war aber nicht in der Lage, etwas daran zu ändern. Ich fand irgendwann keine Worte mehr, die Trost spenden konnten und weinte mit ihm.

Er war voller Fragen und ich suchte immer nach Antworten. "Du musst dir die Liebe, die du im Außen suchst selber geben" ..."wie soll das gehen?" fragte er. "Ich kann es dir nicht sagen". Zwei Tage später ging er. Ein sonniger Mittwoch morgen, an dem meine Whats App nicht mehr gelesen, mein Anruf nicht mehr gehört wurde. Nur seine letzten Worte in einer Sprachnachricht. Dann Tränen und Stille.

"Pauli, er hat es getan...er hat es wirklich getan" ...Es brauchte die Worte meines Dad nicht mehr. Ich wusste es... er war gegangen. "Laura, du bist die beste. Ich passe immer auf dich auf" ...meine Welt zerbrach und ich verlohr mich in einem Strudel aus Tränen und Musik. ...I go solo... von Tom Rosenthal begleitete mich fortan. So viele Wege waren wir gemeinsam gegangen. Immer hatte ich ihn, den Kleinen, an die Hand genommen - und er angstfrei und abenteuerlustig - war mir überall hin gefolgt. Das er dabei auch meine Hand hielt und dies von nun an nicht mehr tun würde, wurde mir erst jetzt bewusst. Von nun an würden wir beide alleine gehen müssen... go solo...

Eine gute Woche später stand ich mit seiner Startnummer in Hamburg. Völlig untrainiert und mit gebrochenem Herzen. Ich stand dort, um sein letztes Rennen zu laufen. "Unter drei Stunden" hatte er gesagt... " das wäre cool!" Noch nie war ich in einer solchen Zeit gelaufen.

Also lief ich...bei Sonnenschein... lief und lief...und es ging. Ich hatte keine Uhr, keine Ahnung wie schnell ich war... ins Ziel kam ich mit einer Zeit von 3:38 min. Ich wusste nicht, dass ich dazu in der Lage war... ich bin nur gelaufen... es war für ihn.

Auf seiner Beisetzung teilte ich diese Geschichte. Las Worte, die er uns - denen, die er liebte - mit ins neue Jahr gegeben hatte: "Tanzt, Lacht, Lebt und Liebt,...schätzt, was ihr habt..." Ich gab ihm Geleit mit "I go solo..." und legte ihm seine Medaille mit ins Grab. Die, seines letzten Laufes. Run free mein Freund.

© Laura