Was bleibt

Durch die Kündigung meines Jobs Anfang des Monats April habe ich einen neuen Weg meiner Karriere eingeschlagen. Ich habe mich entschieden zu springen und befinde mich seither beruflich im Flug. Räume waren auf einmal da. Zeit. In dem Moment, in dem mein Sein Raum bekommen hatte, bekam ich die Nachricht, dass die letzten Tage des Lebens meines Vaters begonnen haben. Eine schwere Krebs Erkrankung hat ein Jahr lang das Leben meines Vaters bestimmt. Die Kenntnis über diese Krankheit hat mich damals schockiert und mich von einer Distanz hin zu einer Pflicht der Nähe geführt. Auf einmal hatte ich den Eindruck die große Distanz die das ganze Leben zwischen uns war zu verringern. Mein Beruf und mein denken über die Priorität dessen haben mich jedoch immer auf einer räumlichen Distanz gehalten. Zeit für die Krankheit habe ich mir nicht genommen. Nun kam eine Woche nach meiner Kündigung am Abend die Nachricht: "Es geht zu Ende!" Ich ließ keine Zeit verstreichen und fuhr ins Krankenhaus. Dort fand ich einen erwachsenen Mann vor, der nur noch 40kg wog. Es war der Montag der Karwoche. Als gläubiger Christ bekam diese Erfahrung durch die Besonderheit des Zeitpunkts zusätzlich eine andere Qualität des erlebens. 3 Tage verbrachte ich an seinem Bett. Immer mit der nötigen Distanz, aber näher als jemals zuvor. Ich verabschiedete mich von der Seele meines Vaters. Er spürte das ich da war und ich spürte seine Kraft in dieser scheinbaren Schwäche. Wir tauschten Worte aus, am letzten Tag auch Blicke. Gedanken der Vergangenheit zogen schnell durch meine Wahrnehmung. Meine Kindheit, Meine Jugend - Freude und Ängste. Nun saß ich als Vater am Sterbebett meines Vaters und meine Erfahrungen lassen mir jetzt einige Punkte klar werden Punkte die ich immer kritisiert habe. Nun konnte ich hier am Bett meines Vaters damit Frieden schliessen - ihm vergeben. Irgendwann in der Nacht fragte ich mich, mit Blick auf diesen vergänglichen Körper: "Was bleibt?" Eine Frage die wir uns in unserem schnellen Alltag so selten stellen. Nun als frisch gekündigter wurde diese Frage spürbarer. Wie oft meinen wir unsterblich zu sein und geben unseren Jobs eine Priorität als seien sie Fundament unseres Lebens und Seins. Am Gründonnerstag starb mein Vater. Er schlief einfach ein. Nun Wochen später finde ich immer mehr eine Antwort auf meine damals gestellte Frage. Ich spüre meinen Vater näher an meiner Seite als jemals zuvor. Es bleibt einiges: Erinnerungen, Nähe, Zuversicht, Schutz, Freude, Zweifel und Frieden.

Es bleiben Gefühle. Gefühle zu einem Menschen der mich und andere auf dem Lebensweg begleitet hat. Er war da. Gefühle für einen Menschen der einen umsorgt hat. Niemals perfekt aber mit allem was dieser Mensch als MENSCH geben konnte.

Es bleiben Dankbarkeit, Liebe und Hoffnung und eine sich immer weiter entwickelnde Antwort auf die Frage

Was bleibt

© Leander