Zu spät

  • 278
Zu spät | story.one

Es ist 13:55, als ich ins Auto steige um ins Krankenhaus zu fahren und meine Oma wie jeden Tag zu besuchen. Am Morgen habe ich ein Stofftier für sie eingepackt. Eines, das ich mir mal beim Einkaufen mit ihr eingebildet habe und sie mir natürlich nicht abschlagen konnte. Ich möchte es ihr ans Bett setzen, damit sie die vielen Stunden über im Krankenhaus Gesellschaft hat. Der Parkplatz vor der Klinik ist gut besucht und ich muss ganz hinten parken. Als ich bereits auf das Zelt zusteuere, in dem ich mich anmelden muss und meine Temperatur gemessen wird, fällt mir ein, dass ich das Stofftierchen im Auto liegen gelassen habe. Ich laufe zurück zum Auto, schnappe mir das schwarz-weiße Kuscheltier vom Rücksitz und gehe flotten Schrittes zurück zum Eingang. Ich fülle das Besucherblatt aus, 9.9.2020 14:30 Uhr, … Beim Fiebermessen kennt man mich bereits und die jungen Herren wissen, dass ich zuletzt in Frankreich war, mein Corona-Test aber negativ ausgefallen ist und ich somit passieren darf.

Es ist ein wunderschöner spätsommerlicher Tag. Bei angenehmen 26 Grad, schon fast kitschig blauem und wolkenlosem Himmel spaziere ich zum Gebäude der Zentralambulanz. Ich möchte Oma meine Geschichte „Abschied“ vorlesen, so der Plan. Ich nehme mir die Stufen in den letzten Stock zu Fuß vor und komme etwas außer Atem beim Dienstzimmer der Krankenschwestern an.

„Guten Tag, Besuch für H.S., Zimmer 207.“ Die Schwester bittet mich einen Moment zu warten, der Herr Doktor würde gerne mit mir sprechen. Ich nehme an, es geht um Omas Verlegung in ein anderes Krankenhaus, denn davon war 2 Tage zuvor noch die Rede gewesen, damit wir nicht so weit fahren mussten. Aber wir hatten uns dagegen entschieden. Wir wollten Oma die Strapazen ersparen und wir hatten uns schon an die täglichen 2 Stunden Autofahrt gewöhnt. Der Arzt kommt und geht mit mir zu Omas Zimmer. Ich bin gerade dabei mir eine Plastikschürze und Einweghandschuhe zu nehmen, als der Arzt unter seiner Maske ein ernst-trauriges, mitfühlendes Gesicht aufsetzt und seinen Satz sagt: „Es tut mir sehr Leid, aber Ihre Oma ist heute um 13:45 Uhr verstorben. Sie ist friedlich eingeschlafen.“ Ich bin um eine Stunde zu spät, geht es mir durch den Kopf. Ich weiß nicht, was ich sagen soll und will nur wissen, wie viel Zeit mir noch mit ihr bleibt. „Bis 17 Uhr.“ Ich klopfe an Omas Zimmertür, so wie ich es immer mache. Beim Eintreten nehme ich die Maske ab und packe sie zusammen mit den Einweghandschuhen und der Schürze in den Mülleimer. Ich trete an ihr Bett, nehme ihre bereits kalten Hände in meine und rede mit ihr. Irgendwann hole ich mir einen Stuhl, setze mich neben ihr Bett und lege meinen Kopf auf ihren Brustkorb. Ich ersticke fast an meinen Tränen und wünsche mir eigentlich nur, dass sie mir mit ihren Händen über den Kopf streichelt. Stattdessen gebe ich ihr das Stofftier in die Hände. Anstelle meiner Geschichte „Abschied“, lese ich ihr „Ein letztes Mal“ vor.

Ich hab dich lieb, Oma!

© Leben_auf_DIN_A4 16.09.2020