Alte Briefe

Immer wieder sehe ich das Bündel alter Briefe an, das ich in dem kleinen Häuschen in einer alten Schublade entdeckt habe. Es gibt noch viel auszuräumen in unserem frisch erworbenen, kleinen Schmuckstück. Aber abends werde ich die Briefe genauer unter die Lupe nehmen. Sie sind noch in Kurrentschrift und das braucht Zeit sie zu lesen. Eigentlich etwas Wunderbares so handgeschriebene Briefe, vergilbtes Papier, wahrscheinlich war es einmal parfümiert, vielleicht mit Küssen versehen. Ein altes, verstaubtes E-mail wird man nie in einer alten Komode finden denke ich bei mir. Nach einem langen Tag ist abends meine Neugier doch stärker als die Müdigkeit nach der vielen Räumerei und so zücke ich die alten Briefe aus meiner Handtasche. Es sind tatsächlich Liebesbriefe von einer Dame an den ehemaligen Besitzer unseres Hauses. Hmmh.. ich kann den Namen der Dame am Absender entziffern und er kommt mir irgendwie bekannt vor. Sofort rufe ich meine Mutter an und erzähle ihr von den Briefen. Sie lacht und sagt „Mein Gott, die gute Gnä!“. Die gute „Gnä“ ist die Vorbesitzerin des Hauses meiner Eltern, und dieses liegt in einem ganz anderen Ort, circa 30 km weit entfernt von hier. Was für ein Zufall! Die „Gnä“ ist eine vornehme, alte Dame, mit langen, dünnen Fingern mit denen sie uns Kindern immer Süßigkeiten aus ihrer Kiste herausklaubt. Wer hätte gedacht, dass diese alte Dame ein aufregendes Liebesleben hat? Stets auf ihr Äußeres bedacht trägt sie immer ein weißes Spitzenhäubchen auf ihrem Haupt, das schon etwas kahl ist und die an das Häubchen angenähten grauen Locken hängen ihr tief in die Stirn. Meine Tante betreut die gnädige Frau, die wir Kinder immer nur „Gnä“ nannten, bis zu ihrem Tod. Daraufhin ist meine mittlerweile auch schon in die Jahre gekommene Tante zu pflegen, das übernimmt meine Familie. Meine Mutter gibt ihr einen Stock mit dem sie wann immer sie etwas braucht, von ihrer Wohnung im Erdgeschoß an die Decke klopfen konnte, 3 mal Klopfen und schon ist einer von uns da. Eines Abends sitzen wir nach dem Essen oben im Wohnzimmer beisammen und plötzlich hören wir es klopfen, 3 mal. Also saust meine Mutter schnurstracks hinunter zur Tante, die aber tief und fest schläft. Ihr Stock in derselben Stellung ans Bett gelehnt, wie ihn meine Mutter zuvor positioniert hat. „Eigenartig!“ murmelt meine Mutter, wo doch alle das Klopfen gehört haben. Ein paar Minuten später klopft es noch einmal, 3 mal. Wieder saust mein Mutter hinunter und etwas verstört kommt sie wieder herauf. "Nichts!" sagt sie "die Tante schläft und der Stock liegt immer noch schräg am Bett.“ Nun sehen wir uns alle verdutzt an. Da meldet sich mein Vater und meint " Das ist wohl die verstorbene "Gnä", die die Tante anmeldet, dass sie bald geholt wird!" Ein paar Tage später geht die gute Tante von uns. Sicherlich ist sie jetzt bei der guten Gnä und sie unterhalten sich vielleicht über ihre großen Lieben im Leben. Möglicherweise sitzt ihr Geliebter ja sogar dabei, wer weiß!

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