Über die Einsamkeit

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Über die Einsamkeit | story.one

Die Menschen kennen viele Gründe für Einsamkeit.

Der erfolgreiche Manager kehrt abends in seine vier Wände heim, die ihm nie ein echtes Zuhause wurden. Er ist nie angekommen im privaten Leben, seine arbeitsfreie Zeit gilt der Regeneration durch Schlaf und Sport, zu mehr ist nicht Zeit. Sein Erfolg im Beruf ist unbestreitbar, darüber hinaus existiert er verloren vor sich hin.

Die mehrfache Mutter und Ehefrau ist Mittelpunkt eines dynamischen Miteinanders, das nie Langeweile aufkommen lässt. Immer ist etwas zu tun, ist jemand zu trösten oder zu bestärken, ist das Zuhause gemütlich und ordentlich zu halten. Sie selbst verliert sich dabei aus den Augen und wird von ihren Lieben nur noch in ihren Rollen, nicht mehr als sie selbst wahrgenommen.

Der Alleinlebende hat sich seine Hörner abgestoßen und spürt seit einiger Zeit, dass das wochenendliche Ziehen mit der Clique längst einen fahlen Geschmack angenommen hat. Wie schön wäre es, eine Frau, eine Familie an der Seite zu haben, dem Leben Inhalt zu geben. Der Weg dazu, sich aus der männerfreundschaftlichen Komfortzone zu begeben, kommt ihm dann aber doch immer wieder zu schwer vor.

Die tapfere Alleinerzieherin hat keine Zeit sich Gedanken zu machen, wie ein Leben ohne Sorgen wohl sein würde. Sie stellt sich täglich den Herausforderungen und wenn sie abends ihren Kindern den Gute Nacht Kuss gibt, dann ist sie für einen kurzen Moment einfach nur voll Liebe. Endlich im Bett, legt sich die Einsamkeit über ihr Herz, kommen Fragen und auch Verzweiflung auf, die sie wegwischt, indem sie ihrer schweren Müdigkeit nachgibt und einschläft.

Das Leben kennt nur einen Grund für Einsamkeit.

Wenn das Leben nicht seiner Bestimmung gemäß gelebt wird. Wenn man jenes Leben, in dem man steckt, nicht annehmen kann, von einem Leben träumt, das als richtiger scheint. Wenn man im unerfüllten Leben stecken bleibt, anstatt zu handeln.

Eine Möglichkeit ist, jenes Leben, in dem man sich befindet, anzunehmen und aufzuhören mit dem ständigen Hadern, das nirgends hinführt, ausser zum Unglücklichsein.

Eine andere Möglichkeit ist, das gewählte Leben zu gestalten, in der eingefahrenen Alltagssicht neue Blickwinkel zu finden, in konstruktiver Auseinandersetzung neue Wege zu finden, bis hin zum Neubeginn.

Dies bedarf einer wichtigen Grundvoraussetzung: bei sich selbst sein.

Es ist notwendig, herauszufinden, wer man selbst ist, was einem wichtig ist, was man überhaupt will im Leben. Und wie sich das, was einem selbst ausmacht, mit dem Leben, das man führt, vereinbaren lässt - oder eben auch nicht.

Wer bei sich ist, wer im Moment lebt, wer dem Alltäglichen immer wieder Besonderes abgewinnen kann, der ist nicht einsam. Der fühlt sich vielleicht manchmal alleine. Alleinsein wiederum ist etwas wichtiges, es ist der Weg, der uns, bewusst gegangen, zu uns selbst führt.

Wer sein Leben so lebt, wie es ihm bestimmt scheint, der durchlebt Höhepunkte und Niederlagen, aber keine Einsamkeit.

© Lebensliebhaberin 14.07.2019