Am Rande des Wahnsinns

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Am Rande des Wahnsinns | story.one

Wie verloren saß sie im Gartenteil des Würstelstands, zu dem sie einen ihrer besten Freunde begleitete. Orte dieser Art waren nicht auf ihrem Radar, das dazugehörige Stammpublikum ebensowenig. Ihr Bestfriend hingegen suchte diese Orte immer wieder bewusst auf. Hoch intelligent, gut verdienend, schien er diesen krassen Unterschied zu brauchen.

Er saß ihr gegenüber. Am Kopf und im Gesicht glatt rasiert, einfach, aber gut gekleidet und gerade so weit betrunken, das er nicht als besoffen galt. Lange saß er ihr schweigend gegenüber, dann begann er mit ihr zu flirten. Wie die aufgehende Morgensonne entfaltete sich sein Charme. Seine Augen glänzten, sein Humor war feinsinnig, seine Ausdrucksweise zeigte gute Bildung. Die Chemie stimmte, sie fühlte sich ungewohnt wohl in dieser bierlaunigen Runde. Am Ende tauschten sie Telefonnummern und ohne es zu wissen läutete sie damit die schwerste Beziehungsphase in ihrem Leben aus.

Er war alkoholkrank, dazu schwerste psychische Probleme, das alles verpackt in einem großen, adretten Mann, von Gott mit einen Charme beschenkt, dem wirklich keine Frau widerstehen konnte und er nahm sie alle. Die Erklärungen für sein kaputtes Leben, seine Opferhaltung, das ewige Unglück haben, all das brachte er so gekonnt vor, dass sie entgegen ihres scharfsinnigen Verstandes jegliches Alarmsignal in sich ignorierte, ihn einfach nur retten wollte.

Die kommenden Jahre waren voll von kurzen Phasen intensiver Romantik und langen Phasen schmerzvoller psychischer Kämpfe, die sie an den Rand des Ertragbaren brachte. Zwar verstand sie bald, wie gefährlich er in seiner krankhaften Art für sie war, doch im selben Maße brach sie jedes Mal wieder ein, verzieh unbeschreiblich verletzende Vorfälle, fand immer wieder Erklärungen für sein Tun. Ihre Freunde waren am Ende ihrer Weisheit. Sie drangen nicht durch zu ihr, verstanden nicht, wie eine aufgeklärte, kluge Frau wie sie nicht wahrhaben konnte, was da vor sich ging.

Nach 4 Jahren voller unzähliger seelischer Verletzungen wurde es ihr dann so eng in ihrer Seele, dass ihr schlagartig klar wurde, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie begann sich bewusst von ihm abzuwenden, sperrte seine Nummer, verbot sich jeden auch noch so leisen Zweifel. Die erste Zeit war unbeschreiblich hart, sie fühlte sich dumm, unnütz, schämte sich sehr. Irgendwann dann besserte sich ihr Leben. Sie begann sich selbst wichtig zunehmen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, ihre Muster zu verstehen, die dunklen Phasen voller Schmerz in ihrer Seele auszuhalten, Erkenntnisse über den Sinn ihres Lebens auszuformen.

Am Ende ging sie mit vielen Narben in der Seele, aber als neue Frau aus dieser schlimmen Zeit hervor. Noch heute, gute 10 Jahre später, kommt ab und an eine Nachricht von ihm. Dass er sie immer noch liebe, es dieses Mal richtig machen wird. Dass er jetzt geht, sich nur verabschieden will. Sie nimmt es wahr, erinnert sich an den Wahnsinn, lächelt versöhnlich und löscht die Worte.

© Lebensliebhaberin 16.07.2019